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Donnerstag, 6. Oktober 2011

Minnelli-Reihe: Abrechnungen und Nostalgie

Natürlich sind wir auch mit unseren Meister-Regisseuren voran gekommen. Da es mich aber geistig überfordert wirklich jeden dieser Filme zu besprechen, bündele ich die Regisseure kurzerhand. Als erstes ist Vincente Minnelli dran, von dem wir in letzter Zeit nur zwei Filme gesehen haben.




Strukturell ließe sich der Film wie eine Mischung aus CITIZEN KANE und ALLES ÜBER EVA beschreiben. Die zentrale Figur, der skrupellose Filmproduzent Jonathan Shields, entsteht für den Zuschauer nur aus den Erinnerungen eines Regisseurs, einer Schauspielerin und eines Drehbuchautors und statt im Theatermilieu befinden wir uns mitten in Hollywood. Minnelli gibt der mittleren Episode - der Erinnerung der Schauspielerin, natürlich - den größten erzählerischen Raum und so wunderbar ich die knapp zwei Stunden auch fand, so blieb nicht viel übrig. Es wäre hart, würde ich behaupten der Film wirke seicht und nicht bissig genug, aber man merkt, dass Minnelli eigentlich doch niemandem weh tun möchte. Er möchte niemanden demontieren - Vorbild für Jonathan Shields war angeblich David O. Selznick - sondern darauf verweisen, dass Himmel und Hölle, Ruhm und Bedeutungslosigkeit, Embleme auf ein und derselben Medaille sind. Wer sich mit dem Teufel einlässt, der muss auch nach seinen Regeln spielen. Und auch wenn unsere Drei den Produzenten hassen, so lieben sie ihn auch, wie Minnelli durch die letzte Einstellung deutlich macht. Ein meisterhaftes, klassisches Hollywoodmelodram, aber knapp am Olymp vorbei.




Mit seinem nächsten Film begibt Minnelli sich wieder in die Welt des Musicals, die so völlig eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Die Handlung siedelt er im Broadway-Milieu an und baut damit gleich mehrere sich überschneidende Ebenen auf. Fred Astaire spielt einen ehemaligen Broadway-Star, der in Hollywood sein Glück gemacht hat, aber nun seine besten Tage hinter sich hat und wieder nach New York zurückkehrt. Tatsächlich spielt Astaire sich selbst - zweimal wird sogar auf ihn verwiesen als ein großer Star, welcher die von Fred Astaire gespielte Figur eben nicht mehr sei - und er muss sich den neuen Gegebenheiten anpassen. Die Musicalwelt der 1930er gibt es nicht mehr und der verbindende Schritt ist absolut sinnfällig. Das Musical hat es zu einer eigenständigen Form gebracht, aber es verfügt nicht über die Bedeutungsschwere der höheren Künste. Die höheren Künste, so wie sie der Produzent des Stückes im Film wünscht, lassen sich nicht einfach in Form eines Musicals ausdrücken. Das würde beide Formen sogar zerstören, wie Minnelli am Scheitern des Musicalstücks als Shakespeare-Drama deutlich macht. Ein Musical kann Kunst oder kunstvolle Unterhaltung sein, wenn man die Künste sich ergänzen lässt. Und so kommt eine Primaballerina ins Spiel. Der Tanz des klassischen Balletts im Musical, das Musical mit dem Selbstbewusstsein, eigene Geschichten zu erzählen. In kurzen Momenten, durch kollektive Mythen, moderne wie altertümliche, durch den selbstgeschaffenen Kosmos. Das Ganze wird zu einem Rausch, der einige der mit Abstand wunderbarsten Musicalnummern der Filmgeschichte beinhaltet. Leider stolpert Minnelli bei der Einbindung in die Spielhandlung. Die wirkt im Verlauf immer statischer und die Übergänge aus Traum und Realität gelingen hier, bis auf das Finale, nicht so fließend wie bei YOLANDA UND DER DIEB, DER PIRAT oder EIN AMERIKANER IN PARIS. Den Glanz dieses Werkes kann das allerdings nicht trüben.

Freitag, 30. September 2011

Kuhurzeinträge Teil 2

Es geht weiter:

DER MAULWURF
(ESPION, LÈVE-TOI)
Frankreich / Schweiz 1981
Regie: Yves Boisset

Yves Boisset, der ewige Querulant, lässt es sich nicht nehmen ein weiteres Mal die Prinzipien ziviler Gesellschaften aufs Korn zu nehmen und zu desavouieren. Zur Dekonstruktion reicht es leider nicht ganz. Dafür sind zu viele Pfade in diesem Agentenstück verschlungen und vernebelt.


DAS GESETZ IST DER TOD
(MESSENGERS OF DEATH)
USA 1988
Regie: John Lee Thompson

Charles Bronson einmal ohne Waffe in der Hand. Stattdessen mit Diktiergerät und Laptop. Ansonsten wird der interessanten Story über religiösen Fundamentalismus unter den Mormonen nicht viel abgewonnen. Thompson erkrankte während der Dreharbeiten und musste ersetzt werden, was an der Inszenierung der Dialoge bzw. der Kameraarbeit während der selbigen gut zu erkennen ist.


MAXIMUM RISK
(MAXIMUM RISK)
USA 1996
Regie: Ringo Lam

Gefiel mir jetzt mal wirklich gut. Van Damme muss wieder eine Doppelrolle spielen, was schön auf seinen Narzissmus verweist. So etwas zu spielen erfordert normalerweise bestimmte schauspielerische Grundfertigkeiten, weshalb auch viele, die es versucht haben, daran gescheitert sind, aber Monsieur van Damme hat bereits dreimal sich und sich selbst in einem Film gegeben, wenn man JCVD dazu zählt sogar viermal. Ringo Lam inszeniert übrigens mit dynamisierenden Detailshots, was normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit ist. Hier war der Einfluss Hongkongs auf Actioninszenierung noch zu was nütze.


TIGERMAN
(THE FINAL ALLIANCE)
USA / Südafrika 1988
Regie: Mario DiLeo

David Hasselhoff wollte in den 1980er auch nicht zurückstehen und gibt den knallharten Einzelgänger, der mit seinem Puma (die Jungs vom deutschen Verleih waren also mal wieder voll auf Zack) auf die Farm seiner Eltern zurückkehrt, welche damals mitsamt seiner kleinen Schwester von bösen Bikern massakriert wurden. Devise: Alle umlegen!


DOBERMANN
(DOBERMANN)
Frankreich 1997
Regie: Jan Kounen

Hui, das war ganz spaßig. Hatte ich seit 12 Jahren nicht mehr gesehen. Flottes Filmchen, wohl eine Art Initialzündung für die sich in Frankreich im "Gewaltkino" weiter abspielenden Entwicklungen.


TERMINATOR: DIE ERLÖSUNG
(TERMINATOR: SALVATION)
USA 2009
Regie: McG

Und ein weiterer popkultureller Meilenstein, der zum Grabstein wird. Diese Materialschlacht macht so ziemlich alles falsch, was sie nur falsch machen kann. Sie langweilt! Dann schon lieber TRANSFORMERS X - DIE FUMMELTRINEN VOM SHERWOOD BLECHBERG.


HITMAN
(THE HITMAN)
USA 1991
Regie: Aaron Norris

YES!!!. Stockbesoffen in der Nacht gesehen und Tötungslust danach. So erreicht man intrinsische Erlebnisse.


EIN GENERAL UND NOCH ZWEI TROTTEL
(DUE MARINES E UN GENERALE)
Italien 1966
Regie: Luigi Scattini

Buster Keaton spielt hier nicht nur seine letzte Rolle, der Film ist ein einziger Tribut an seine Komik. Da stören auch Italiens erfolgreichste Komiker der Filmgeschichte Franco & Ciccio nicht weiter.


DIE ROTE SCHLINGE
(THE BIG STEAL)
USA 1949
Regie: Don Siegel

Früher Don Siegel, der bereits einiges vom neuen Realismus des modernen Kinos vorwegnimmt, aber immer noch in den Grenzen des film noir gefangen ist. Mutig Robert Mitchum wie einen Vollidioten zu inszenieren.


DER LANGE TAG DER RACHE
(I LUNGHI GIORNI DELLA VENDETTA)
Italien / Spanien / Frankreich 1966
Regie: Florestano Vancini

Die spanische Version des Giuliano-Gemma-Westerns. Dadurch wesentlich elliptischer, düsterer, humorloser und härter als die italienische Fassung.


KARATE WARRIOR V
(IL RAGAZZO DAL KIMONO D'ORO V)
Italien 1992
Regie: Fabrizio de Angelis

Wir tanzten und wir schrien,
ein Film wie es uns schien,
doch rieb man sich die Äugelein,
und machte ein Verbeugelein,
gar so wie Mr. Bean.


DER PIRAT VON SHANTUNG
(MA YONG ZHEN)
Hongkong 1972
Regie: Chang Cheh

Chang Ches Abkehr vom Swordsfilm und Hinwendung zu bodenständiger Martial Arts, ohne auf die Stilisierung der Gewalt zu verzichten und sie doch erfahrbarer zu machen, als in seinen vorherigen Werken. SCARFACE als Eastern. Ausufernd, transgressiv, transzendental.


S.W.A.T. - DIE SPEZIALEINHEIT
(S.W.A.T.)
USA 2003
Regie: Clark Johnson

Was für ein lahmer Kram. Man merkt, dass die 90er noch nicht lange zurücklagen.


STARSHIP TROOPERS
(STARSHIP TROOPERS)
USA 1997
Regie: Paul Verhoeven

Zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder gesehen. Brillant!


BRADDOCK - MISSING IN ACTION III
(BRADDOCK - MISSING IN ACTION III)
USA 1987
Regie: Aaron Norris

Einer bestechenden Exposition folgt das Übliche. Aber das mit Schmackes. Hinzukommend das häufig unterschlagene Tabuthema der Amerasians.


EMPIRE OF THE NINJAS
(EMPIRE OF THE NINJAS)
Hongkong 1986
Regie: Godfrey Ho

Nach langer Zeit - also fast zwei Monaten - mal wieder ein Ninja-Flick. Hier können sich die Ninjas sogar in Goldfische verwandeln. Jeder hat dann auch die Farbe seines Kampfanzugs.


MIAMI VICE: EIN MANN GEHT SEINEN WEG
(MIAMI VICE: VIKING BIKERS FROM HELL)
USA 1987
Regie: James Quinn

Nietzeanischer Übermensch trifft auf leere Polizistenhüllen. Experimentelle Folge.


CITY WOLF
(YING HUNG BOON SIK)
Hongkong 1985
Regie: John Woo

Zu oft gesehen und wie der Junkie warte ich immer wieder auf das Gefühl vom ersten Fix.


HELDEN USA
(DEATH BEFORE DISHONOR)
USA 1986
Regie: Terry Leonard

Aus der Rubrik: Genauso so, dass man denkt, solche Filme hat's doch tatsächlich gar nicht gegeben.


BERLIN CALLING
Deutschland 2010
Regie: Hannes Stöhr

Mein erster Film, den ich der DÖS-Reihe zuordnen kann. Vielleicht kommt noch mal ein längerer Eintrag, aber so bleibt erst mal zu sagen: Es war dann doch nicht so furchtbar wie erwartet. Der Film macht viele Fässer auf, kann sie dann aber kaum deckeln. Ein typisches Beispiel für eine verzärtelte Generation, die schon einen Nervenzusammenbruch bekommt, wenn sich das Brot im Toaster verklemmt hat. Hysterisch, neurotisch und von nix ne Ahnung. Dazu noch klischeeüberladen bis zum geht nicht mehr. Ne Jungs, dafür war ich einfach zu lange in der Szene bzw. bin es ja noch, als dass ich mich davon angesprochen fühlen könnte. Von der Darstellung seiner Figurenstereotype her knapp unter SCHULMÄDCHEN-REPORT.


IN EINSAMER MISSION
(STRATEGIC COMMAND)
USA 1997
Regie: Rick Jacobson

Die Royal-Oaks-Filmschmiede beendet die Karriere ihres letzten Zugpferdes Michael Dudikoff.


FUGITIVE MIND - DER WEG INS JENSEITS
(FUGITIVE MIND)
USA 1999
Regie: Fred Olen Ray

Wieder Royal Oaks und diesmal sogar noch von Fred Olen Ray. Nichts, nichts... nihihi nichts, aber auch gar nichts, was dieser Film zu bieten hatte. Das muss man auch erst mal hinkriegen.


ZWEI AUSSER RAND UND BAND
(I DUE SUPERPIEDI QUASI PIATTI)
Italien 1976
Regie: Enzo Barboni

Der erste Rundumschlag in den USA. Der eine wird von rechts auf einem Gabelstapler ins Bild gefahren, der andere flieht von links gerade von der Handelsmarine. Über die Repetition werden die Figuren zusammengebracht: Sie demolieren kurz hintereinander, voneinander unabhängig, die Autos der Gangster, mit denen sie aus völlig frei flottierenden Dramaturgiegründen noch einmal zusammenfinden werden. So erzählt Barboni fast zwei Stunden lang nichts Nacherzählbares. Ein Geschenk von einem Film.


BLOOD AND BONE
(BLOOD AND BONE)
USA 2009
Regie: Ben Ramsey

Wauzi! Das ist der beste B-Film-Klopper, den ich in diesem Jahr bei einer Erstsichtung gesehen habe. Geiles No-Compromise-Teil! Geiler Hauptdarsteller!


THE MECHANIC
(THE MECHANIC)
USA 2011
Regie: Simon West

Ich hatte nicht viel erwartet von diesem Remake eines Michael-Winner-Films und wurde trotzdem noch enttäuscht. Simon West bekommt einfach keinen anständigen Film zustande. Nie, nie und niemals nicht. Dass ausgerechnet dieser Totalausfall die Regie bei THE EXPENDABLES II übernehmen soll, schmerzt sehr.


UND WIEDER 48 STUNDEN
(ANOTHER 48 HRS.)
USA 1989
Regie: Walter Hill

Es wurde häufig bemängelt, dass dieser Film im Grunde nur eine Kopie des Originals wäre. Scheiß drauf. Wenn man einen Film eines der letzten großen amerikanischen Regisseure unserer Zeit sieht, ist das immer ein Fest.


DIAMOND NINJA FORCE
(DIAMON NINJA FORCE)
Hongkong 1986
Regie: Godfrey Ho

Diesmal hat Godfrey Ho einen, vermutlich taiwanesischen, Plagiatfilm zu Hoopers POLTERGEIST mit den üblichen Gweilo-Kampfszenen verbunden. Die verschiedenen Stadien der jeweiligen Produktionsjahre des Richard-Harrison-Materials lassen sich an dessen Bart und Haaren ablesen. Es ist erkennbar, dass Ho hier wirklich alles verwendet hat, was noch da war.


OHNE LIMIT
(LIMITLESS)
USA 2010
Regie: Neil Burger

Interessant, wie das Klischee vom unbesiegbaren Supertypen dem Kinopublikum heutzutage schmackhaft gemacht wird. Ansonsten eine der besseren Major-Produktionen der letzten Kinojahre. Nette visuelle Einfälle, ein charismatischer Hauptdarsteller und die wohl heutzutage obligatorische Erzählklammer runden einen flotten Thriller ab, der die Komplexität seiner Geschichte freilich zu keinem Zeitpunkt ausleuchtet und etwas sehr dem faschistoiden Gewinnertypprinzip anhängt.


HIPPIE NICO VON DER KRIPPO
(SQUADRA ANTIFURTO)
Italien 1976
Regie: Bruno Corbucci

Hier ein "Supertyp" diametral zu Bradley Cooper, der mehr auf meiner Wellenlänge ist. Tomas Milian ist der Stinkefinger im Arsch der Gesellschaft.


KEIN HALBEN SACHEN
(THE WHOLE NINE YARDS)
USA 1999
Regie: Jonatahn Lynn

Altbackene Komödie, die manchmal den ein oder anderen netten Gag raushaut. Ansonsten in ihrer Sterilität etwas schwer ertragbar.


FASTER
(FASTER)
USA 2010
Regie: George Tillman jr.

Zweitsichtung notwendig. Ansonsten etwas zu überkomplizierter Actionfilm oder zu gewaltvernarrtes Rachedrama.


THE EXPENDABLES
(THE EXPENDABLES)
USA 2010
Regie: Sylvester Stallone

Hat mir ganz genau noch mal so gut gefallen. Ein flickiger Flic, wie Flickwerk.


KARATE WARRIOR VI
(IL RAGAZZO DAL KIMONO D'ORO VI)
Italien 1993
Regie: Fabrizio de Angelis

Kann mit BRENNPUNKT LAS VEGAS und PROVINZ OHNE GESETZ auf den Thron der größten filmischen Katastrophen, die wir in diesem Jahr gesehen haben.


AMERICAN FIGHTER II - DER AUFTRAG
(AMERICAN NINJA II - THE CONFRONTATION)
USA 1987
Regie: Sam Firstenberg

Wir hatten so sehr einen im Kahn, dass wir ihn mehr als Chimäre wahrgenommen haben.


EIN SELTSAMER TYP
(UNO STRANO TIPO)
Italien 1962
Regie: Lucio Fulci

Frühe Komödie von Lucio Fulci mit einem noch sehr jungen Adriano Celentano in der Hauptrolle. So herrlich überdreht italienisch, dass man erst mal 5 Espresso kippen muss, um auf dem Level des Filmes zu sein.


DÉJÀ VU - WETTLAUF MIT DER ZEIT
(DEJA VU)
USA / Grossbritannien 2006
Regie: Tony Scott

Ein fähiger Regisseur hätte aus dieser Story einiges rausholen können. Interessant, wie auch hier wieder die Figur des Durchblickertypen als einziger noch die Fahne im "Einer gegen alle"-Konzept hochhalten darf. Seit DIE BOURNE-IDENTITÄT werden wir im Action-/Männerkino wirklich zugeschissen mit solchen Durchblickertypen. Die Antwort auf das gefühlte Chaos der Überkomplexität der Welt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert im Zuge eines deduktiven Positivismus hat das Sherlock Holmes hervorgebracht. Heute jede Menge Kleinbürger, die man im realen Leben nur als Klugscheißer wahrnehmen würde. Jedem das seine.

Mittwoch, 28. September 2011

Kuhurzeinträge Teil 1

Ich weiß, dass es unschön zu lesen ist und dem einen oder anderen nicht viel Spaß macht, aber da ich doch einen Überblick darüber geben möchte, was ich in den letzten zwei Monaten gesehen habe, werde ich die Filme hier mal wieder nach der "bewährten" Methode in Kurzform behandeln. Da es anstrengend ist so viele Kurzeinträge zu lesen, unterteile ich sie in zwei Postings:

KARATE WARRIOR II
(IL RAGAZZO DAL KIMONO D'ORO II)
Italien 1988
Regie: Fabrizio de Angelis

Die Fortsetzung zu de Angelis Mini-Erfolg schafft es sogar noch grausiger zu sein als der Erstling. Ähnlich wie bei der chinesischen Seasonal Films ein paar Jahre früher wurde hier versucht die Elemente amerikanischer Teenager-High-School-Serien aufzugreifen - hier ist es allerdings das College-Milieu - und um die Initiationsgeschichte eines jungen Kämpfers, der sich in einer neuen Umgebung beweisen muss, zu erweitern. Kim Rossi Stuart, der es zusammen mit Michele Placido zum ENGEL DES BÖSEN gebracht hat, darf hier seinen dumm-dämlichen Blaublick ein weiteres Mal einsetzen, dass einem nur schlecht werden kann. Oder das Lachen im Halse stecken bleibt.


PHANTOM KOMMANDO
(COMMANDO)
USA 1985
Regie: Mark L. Lester

Verdichtung, Verdichtung, Verdichtung!


CRAZY AIR FORCE
(WEEKEND WARRIORS)
USA 1986
Regie: Bert Convy

Herrlich absurde Militärklamotte, der gegen Ende leider die Puste ausgeht.


HANNIBAL BROOKS
(HANNIBAL BROOKS)
Großbritannien 1969
Regie: Michael Winner

Michael Winner beweist einmal mehr seinen Sinn für krude Ausgangssituationen. Der britische Fliegerpilot Hannibal Brooks wird während des 2.Weltkriegs über Deutschland abgeschossen und in einen Zoo strafversetzt. Dort soll er sich um einen weiblichen Elefanten kümmern. Er entwickelt eine enorme Zuneigung zu dem Tier und erklärt sich bereit, nachdem der Zoo mehreren Bombardements ausgesetzt war, mit dem Elefanten quer durch Deutschland zu ziehen. Doch in den bayerischen Alpen besinnt sich Hannibal der geschichtlichen Bedeutung seines Vornamens und versucht mit seinem Elefanten über die Alpen in die Schweiz zu entkommen. Verrückt spielende Nazis, Widerstandskämpfer, sowie Kollaborateure sind nur einige der vielen Probleme, mit denen sich Brooks und sein Elefant befassen müssen. Oliver Reed in der Hauptrolle hat wieder mal die Möglichkeit sein explosives Spiel, jederzeit am Rande zum Chargieren und Massakrieren, unter Beweis zu stellen. Michael Winner bleibt seinem inszenatorischen Stil der dramaturgischen Holprigkeit ebenfalls treu und sorgt damit für so manche Länge. Ähnlich ziellos wie Hannibal und sein Elefant in Nazi-Deutschland über Autobahnen stolpern.


DIE WILDGÄNSE KOMMEN
(THE WILD GEESE)
Großbritannien 1977
Regie: Andrew V. McLaglan

Weitgehend verkannter Söldnerfilm, der leider mit Werken aus der Retorte in einen Haufen geworfen wird. Wunderbar pathetische Bilder und Gefühle und ein Plädoyer für gegenseitiges Verständnis.


DAMIEN - OMEN II
(DAMIEN - OMEN II)
USA 1978
Regie: Don Taylor

Wiederum eine Arbeit über den mechanistischen Horror des Alltages. Der Unfall als Tarnung für den Einbruch des absolut Bösen.


KARATE WARRIOR III
(IL RAGAZZO DAL KIMONO D'ORO III)
Italien 1991
Regie: Fabrizio de Angelis

Auch der dritte Teil hat uns viel Freude bereitet, was vor allem an der grottenschlechten deutschen Synchronisation lag. Aber nachdem ich von italienischen Sprechern englisch gedubbte Auszüge aus KARATE WARRIOR II gesehen bzw. gehört habe, kommt mir die deutsche Synchro wieder wie Gold vor. Der farblose Kim Rossi Stuart wurde gegen eine noch unerträglichere Flachpfeife ausgetauscht, Ron Williams (nicht zu verwechseln mit Deutschlands berühmtesten farbigen Stand-Up-Comedian und (Radio-)Moderator), die auch in praktisch nichts anderem mehr mitgespielt hat und die Ehre hatte, die "KARATE WARRIOR"-Reihe bis zum sechsten Teil zu Ende zu führen. Die Amerikaklischees werden hier in neue, ungeahnte Dimensionen geführt.


ICH POLIER' DIR DEINE GLATZE
(COLPO IN CANNA)
Italien 1974
Regie: Fernando di Leo

Eine der unverfrorensten Huldigungen einer Frau, die ich im konventionellen Erzählkino je gesehen habe. Obwohl ich Ursula Andress totgeil finde, hatte ich nach diesem Film erst mal genug von ihr. Da kann auch die afrikanische Ur-Kraft, durch Woody Strode verkörpert, nichts mehr reißen. Nebenbei ist der Film ein kleines Meisterstück darin in schicken Bildern nichts zu erzählen und eine Art Parodie auf die damals angesagten italienischen Prügelkomödien zu liefern.


KARATE TIGER II
(NO RETREAT, NO SURRENDER: RAGING THUNDER)
Hongkong 1987
Regie: Corey Yuen

Frühwerk von Corey Yuen und ein weiterer Gweilo-Film der Seasonal Films Corporation. Benutzte man für die erste erfolgreiche Produktion KARATE TIGER noch KARATE KID als Vorbild, bediente man sich hier bei RAMBO II - DER AUFTRAG und anderen einschlägig vorbelasteten Dschungel-Rescue-Movies. Etwas mehr Zügigkeit hätte dem Film in mancher Szene gut getan, aber B-Film-Mimen wie Cynthia Rothrock, Matthias Hues und sogar Loren Avedon wiegen einiges auf.


SAM WHISKEY
(SAM WHISKEY)
USA 1968
Regie: Arnold Laven

Westernklamotte mit Burt Reynolds, Ossie Davis, Clint Walker und Angie Dickinson. Hinkend.


JUDGEMENT NIGHT - ZUM TÖTEN VERURTEILT
(JUDGEMENT NIGHT)
USA 1993
Regie Stephen Hopkins

Konventioneller Spannungsthriller um vier Vorstadttypen, die Nachts durch ein Ghettoviertel flüchten müssen. Fand ich damals schon etwas durchwachsen und hat sich nichts dran geändert. Solide, thematisch manchmal reife modernisierte, inszenatorisch aber etwas altbacken wirkende Angelegenheit.


RUNNING MAN
(THE RUNNING MAN)
USA 1987
Regie: Paul Michael Glaser

Nostalgisches Kindheitsfeeling. Retro, Aggre- und Reggression.


AFRICA EXPRESS
(AFRICA EXPRESS)
Italien / BR Deutschland 1976
Regie: Michele Lupo

Dauerlächler Giuliano Gemma, Kraftfrau Ursula Undressed und Granitfresse Jack Palance in einer Zote über Wilderer in Afrika und anderem Kram. Die schöne Zeit, als es noch unschuldig entspanntes italienisches Unterhaltungskino im großen Stil gab.


MIAMI VICE: LADY LOVE
(MIAMI VICE: BY HOOKER BY CROOK)
USA 1987
Regie Don Johnson

Don Johnson inszeniert seine "Gerade-mal-nicht-Ehefrau" Melanie Griffith als Luxus-Puffmutter, die mit hohen politischen Kreisen in Miami zu tun hat. Nach dem ich COCAINE COWBOYS gesehen habe wird mir immer klarer, was Michael Mann damit meinte, dass sie die Realität oft eher abmildern mussten, da man ihnen sonst noch weniger geglaubt hätte, als man es sowieso schon getan hat. Ironischerweise wurde der Serie immer die Übertreibung zum Vorwurf gemacht.


AIRWOLF: GEHEIMMISSION LAOS
(AIRWOLF: ONCE A HERO)
USA 1984
Regie: Leslie H. Martinson

Enorm düstere Episode, die sich der Vietnam-Rescue-Thematik bedient. Hawk stellt eine Truppe aus alten Kameraden zusammen und versucht seinen "M.I.A.-Bruder" aus einem Gefangenenlager zu befreien. Natürlich mündet dies in einer Katastrophe. Die Kalte-Krieg-Tristesse in Kombination mit aufwendiger Action und jeder Menge Toter macht diese Folge zu einem Highlight der zweiten Staffel.


MISSING IN ACTION
(MISSING IN ACTION)
USA 1984
Regie: Joseph Zito

Im Abgleich dazu noch einmal der Amoklauf des James T. Braddock. Dieser Film liefert einen tiefen Einblick in die Psyche Amerikas.


SIE LEBEN
(THEY LIVE)
USA 1988
Regie: John Carpenter

Immer wieder schön und ein Beleg, warum Carpenter kein Romero ist, Romero aber ein Carpenter sein kann.


SAFARI EXPRESS
(SAFARI EXPRESS)
Italien 1976
Regie: Duccio Tessari

Ein wunderbares Beispiel für das Fließband- und Zweitverwertungskino der Italiener. Im gleichen Jahr, am gleichen Ort, mit der gleichen (Schauspieler-)Crew und der gleichen Story gedrehter Abenteuerfilm, der als Fortsetzung zu dem oben erwähnten AFRICA EXPRESS vermarktet wurde, tatsächlich aber mehr eine Neuauflage darstellt. Auch ein Beleg für die häufig angezweifelte Auteur-Theorie. Die einzige Person, die ausgewechselt wurde, ist der Regisseur. Machte Michele Lupo recht standardisierte Italo-Klamauk-Inszenierung mit schnellen Schnitten und holprigen Kamerachsen, inszeniert Tessari fast kalt und unpassend für einen eigentlich als beschwingte Komödie angelegten Film. Wie die Stimmung eines Filmes durch dessen Regisseur beeinflusst wird, lässt sich hier mustergültig erkennen.


GLITZERNDER ASPHALT
(STREET SMART)
USA 1986
Regie: Jerry Schatzberg

Kinorealist Schatzberg transferiert den Stil des authentical cinema der 1970er in das neonfarbene Halbweltmilieu der 1980er, ohne sich voyeuristischen Anwandlungen hinzugeben. Von extremer Dichte und nahezu unerträglicher struktureller Gewalt. Da stört das dem Jahrzehnt verpflichtete konservative Ende nur marginal, zumal es durch eine schockierende Erweiterung mittels eines Freeze-Frames geschickt unterlaufen wird.


KARATE WARRIOR IV
(IL RAGAZZO DAL KIMONO D'ORO IV)
Italien 1991
Regie: Fabrizio de Angelis

Ein Hauptdarsteller, der in jeder Szene anders aussieht, die Fettbacke, die im dritten Teil noch Hähnchenschenkel verkauft und hier jetzt Schlankheitspillen unter die Leute bringt, ein asiatischer Kampfsportexperte, der extra von einem Collegstudenten eingeflogen wird, um den jugendlichen Lokalmatador auszuschalten, eine Schrottplatzrallye (wieder einmal), diesmal auf Motor- statt auf Fahrrädern, der (stereo-)typische alte, weise Kampfkunstlehrer aus dem thailändischen Dschungel, der Karate (!) unterrichtet, nun plötzlich zum ersten Mal den Dschungel verlässt, um in einem Vorort von Miami eine Pizzeria aufzumachen und von zwei 15-jährigen K.O. geschlagen wird, in der nächsten Szene aber wieder der unbesiegbare Alleswisser/-Könner ist. Fabrizio de Angelis weiß, was gut ist und lässt es deshalb auch schlauerweise weg. Der Rest ist Prügeln.


SPECIES III
(SPECIES III)
USA 2004
Regie: Brad Turner

Mit bleierner Schwere inszenierte zweite Fortsetzung der "Erfolgsreihe".


DIE INSEL
(THE ISLAND)
USA 2005
Regie: Michael Bay

Zu Beginn noch ganz nette futuristisch-hitchcock'sche Version über Doppelidentitäten, zerfällt das Ganze dann doch in den üblichen Bombastmüll überladener Blockbustervehikel.


SAVATE - KAMPF OHNE GNADE
(SAVATE)
USA 1994
Regie: Isaac Florentine

Florentines zweite Spielfilmarbeit ist eine grausige Collage aus Kampfsportfilm und Western, die aus der reizvollen Ausgangsidee dieser ungewöhnlichen Genreverbindung nichts hervorzubringen vermag. Selbst die Kampfchoreographie ist bescheiden (jetzt kling ich schon wie der Filmdienst).


STIRB LANGSAM
(DIE HARD)
USA 1988
Regie: John McTiernan

Egal wie häufig ich mir den Film ansehe: Es ist und bleibt der schnarchig-langweilige Versuch dem Actiongenre Tiefgang durch ungelenk inszenierte Dialoge zu geben. In puncto Tempoentwicklung steht sich der Film permanent selbst im Weg.


MIAMI VICE: TEUFELSKREIS
(MIAMI VICE: KNOCK, KNOCK... WHO'S THERE?)
USA 1987
Regie: Tony Wharmby

Eine der düstersten Episoden der Staffel. Eine Polizistin der DEA wird korrupt, um ihren durch einen fehlgeschlagenen Einsatz an den Rollstuhl gefesselten Mann und ihr im Krankenhaus liegendes Kind zu retten. Crockett, der mit ihr seit vielen Jahren befreundet ist, muss sie am Ende verhaften. Sie wird ins Gefängnis gehen, ihr Mann ist ein arbeitsloser Invalide und das Kind wird sterben.


RAMBO
(FIRST BLOOD)
USA 1982
Regie: Ted Kotcheff

Hier nun strukturell das Gegenteil zum aufgeblasenen STIRB LANGSAM. Ursprünglich hatte der Film eine Länge von über zwei Stunden, aber Stallone wollte, dass seine Dialogszenen entfernt werden, um dem Film so die entsprechende Dynamik zu geben. Die zweite Geburt des modernen Actionfilms (nach den James-Bond-Filmen) und eine tautologische Klammer zu den ersten Actionfilmen der Filmgeschichte überhaupt, die auf unnötigen Ballast noch verzichtet haben, bevor das Kino erwachsen wurde: dem Slapstick. Inwiefern STIRB LANGSAM und seine Epigonen also tatsächlich eine Weiterentwicklung sind oder ein Rückschritt, bliebe zu klären.


DER SUPERCOP
(POLIZIOTTO SUPERPIÙ)
Italien / Spanien / USA 1980
Regie. Sergio Corbucci

Mit dem tu ich mich ja immer etwas schwer, aber diesmal lief's wie geschmiert.
Bunel + Klamauk + Action = DER SUPERCOP

Freitag, 19. August 2011

Reload

Da ich, wie zuletzt hier, immer wieder über die mich verwundernden Ansichten zu dem Film CRUISING stolpere, habe ich hier mal einen 4 Jahre alten Text von mir eingestellt. Über Anmerkungen, die den Film aus weiteren Perspektiven beleuchten könnten, würde ich mich freuen. :)

"Würden Sie gerne mal verschwinden?"

Capt. Edelson


Eins bleibt sich bei allen Filmen Friedkins gleich: Man ist ihnen ausgeliefert. Immer klarer wird es, dass diesem Regisseur mit herkömmlichen Methoden der Rezeption nicht beizukommen ist. Ihn tatsächlich mit den gängigen Maßstäben des Erzählkinos messen zu wollen, erscheint absurd, wenn man einmal verstanden hat wie rational dieser Formalist arbeitet. Kaum verwunderlich, dass jeder, der denkt er bekomme einen herkömmlichen Genrefilm zu sehen, entweder enttäuscht ist, weil der Film nicht gängige Konventionen erfüllt oder einfach gar nicht erkennt wie er vorgeführt wird, weil Friedkin ähnlich subtil arbeitet wie die sublimen Bildelemente die er immer wieder sporadisch in seine Filme einstreut. Bei William Friedkin treffen ein von der französischen Nouvelle Vague inspirierter Erzählstil und eine Hawkssche Formalökonomie der Kamera aufeinander. Jedoch entfesselt Friedkin die Stilmittel – freilich immer kontrolliert – auf eine Weise, welche die Form vor den Inhalt setzt und ihm damit etwas gelingt, woran nahezu alle Regisseure scheitern: Er erzählt die Geschichte durch die formalen Mittel. Hierin ist wohl auch der Grund zu finden, warum Friedkins Filme das Höchstmaß an formaler Brillanz darstellen. Besseres wird sich mit filmgenuinen wie auch additiven Mitteln kaum kreieren lassen. Somit hat dieses Abverlangen vom Zuschauer etwas Forderndes, Überrumpelndes etwas Grenzüberschreitendes. Er besitzt die Chuzpe, einfach in uns Eindringen zu wollen, ohne dass wir dies zunächst bemerken. Dies gelingt ihm durch das Verwenden von Genrekonventionen, die sich mit zunehmendem Voranschreiten als etwas Anderes, etwas Unheilvolles darstellen. Nur dafür da, um uns in die Irre zu führen, in Sicherheit zu wiegen und dann den Verlauf, die Handlung und die Figuren so aufzubrechen, dass wir den narrativen Boden unter den Füßen verlieren und nichts mehr haben, woran wir uns festhalten können. Doch wer genau hinsieht muss erkennen: Die formale Gestaltung ist schon immer von Anfang an verwirrend, geht irgendwie am Geschehen und genau dadurch den kafkaesken, halben Schritt an der Wahrnehmung vorbei. Wenn wir uns also, wenn sich die erzählte Geschichte in eine unheilvolle Richtung entwickelt hat, beruhigt aufs formale Genregerüst fallen lassen wollen, fallen wir ins Nichts.

Steve Burns (die Etymologie des Namens allein ist schon zauberhaft) wird von Capt. Edelson, der alle Sorgen der Welt gesehen haben mag, gebeten unterzutauchen, abzutauchen, zu verschwinden. Dafür muss er nur bereit sein Sperma zu schlucken und sich fesseln zu lassen, damit er einem Killer als Lockvogel dienen kann, der seinerseits durch die Nächte cruised, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick in einer hedonistischen Sub-Sub-Szene, welche die Symbole einer sexualisierten Männlichkeit wieder in ein archaisches Konzept überführt, in dem physische Gewalt Dreh- und Angelpunkt der Befriedigung ist und welches den Inbegriff des biblischen Sodoms im ursprünglichen Sinne darstellt. Denn so wie für Jehova die Sodomie ein schreckliches Übel war, da eine patriarchalische Gesellschaft durch sie eine Freude an der sexuellen Körperlichkeit entdeckte, welche die Frau unnötig machte und so die Gefahr der Reproduktion seiner Schöpfung bedrohte, so benötigen diese Wesen der Nacht keine Weiblichkeit und falls doch, so erledigen sie dies durch grotesk übersteigerte Symbole wie Schminke, hautenge, glänzende Kleidung, hochhackige Schuhe und Perücken gleich selbst. Es ist eine Hölle der Freuden und Steve Burns, der in ungläubiges Gelächter ausbricht als Capt. Edelson ihn fragt, ob er sich mit diesem Undercover-Einsatz das goldene Abzeichen verdienen möchte, befindet sich zu Beginn noch in der Maske eines heterosexuellen Mannes, welche er für seine Persönlichkeit hält.

"Es steckt eine Menge in mir, was Du nicht weißt.", sagt Burns seiner Freundin, als sie nach dem Geschlechtsakt im Bett liegen und er weiß es scheinbar auch nicht. Roboterhaft verhält er sich, wie sich ein jeder heterosexueller Mann verhalten würde, der in die Schwulenszene kommt. Er steigt in einer Wohnung ab, die in einem "Schwulenviertel" liegt und entfernt aus dem dreckigen Appartement zuerst die Magazine, welche nackte Männer ablichten. Dann beginnt auch er zu cruisen, aber er gibt sich vorsichtig, umschleicht wie ein Zaungast die Clubs und versucht eine Art Schutzwall zwischen sich und dem dionysischen Treiben aufzubauen. Köpfe mit offenen Mündern werden auf Schwänze gedrückt, Auspeitschungen werden vorgenommen und Anal-Fisting findet neben der Tanzfläche statt, während Burns sich an der Theke festhält und versucht einen Polizisten zu spielen. CRUISING wird zum period piece, wenn hier on location eine Clubszene gezeigt wird, die es so schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gibt. Dahingerafft durch AIDS, Ronald Reagan und Neo-Konservatismus. Dass sich solche Szenarien einmal jede Nacht, Club an Club gereiht, mitten in New York abgespielt haben, erscheint heute so weit weg wie die Kreidezeit. Der Authentizitäts-Fanatiker Friedkin wollte auch hier die absolute Erfahrbarkeit für den Zuschauer und die vierte Wand durchbrechen. Damit dieses Vorhaben gelingt drischt auf den Zuschauer ein wüster Soundtrack ein, der den Dekadenumbruch auf den Punkt bringt. Eine apokalyptische Endzeitstimmung trifft auf perspektivlosen Pessimismus. Auch hier wieder das Fremde, das jedoch internalisiert ist und deswegen im Äußeren aufgesucht wird, weil es aus dem Inneren heraus muss. So schwarz die Räume sind, durch die Steve Burns wandelt, so schemenhaft sind die Gesichter, die Identitäten der Personen. Ein Penis erscheint als Identifikationsmerkmal brauchbarer als ein Gesicht, oder ein Name. Der Killer, den Burns jagt, sieht aus wie ein jeder in der Szene und es könnte auch ein jeder sein. Friedkins Kniff, den Darsteller des Killers ständig zu wechseln, ist nur eins von vielen Details. Die Dopplung der Identitäten und schließlich die Vereinigung aller infrage kommenden Verdächtigen, inklusive Burns, spiegelt sich von der Sonnenbrille des Killers wider – wenn wir in der Spiegelung eines Brillenglases für wenige Sekunden die Mordtat sehen –, in den trägen Schwenks durch die Dark-Rooms, den angerissenen Schnitten in denen wir einzelne Gesichter sehen, die uns anblicken und die Frage aufwerfen, wer wir sind.

Aber CRUISING ist nicht nur ein Film über den Verlust der eigenen Identität und die Austauschbarkeit des Individuums, sondern auch ein Film über die väterliche Allgewalt und die Kastrationsangst. Der ödipale Konflikt wird verlagert mit dem Glauben durch die sexuelle Fixierung auf das reine Körperteil und das Ausblenden des Menschen als Gesamteinheit, die Macht über sich und sein Geschlecht erlangt zu haben. Das Austreiben solch narzisstischer Irrläufer durch väterliche Restriktion bringt – auch hier wieder Friedkins ständige Verdrehungen der Kausalitäten und Dichotomien – das genaue Gegenteil hervor. Die homophobe Erziehung bringt den homophilen Killer hervor. Im Moment der Erregung durch seinesgleichen muss er das ihn erregende Subjekt vernichten. Das abgenutzte Symbol des penetrierenden Messers erhält hier tatsächlich ein tragendes Grundgerüst. Die zwanghafte Tat des Mordens ist die mentale Repräsentation des Vaters, der den dem Killer beigebrachten Schmerz noch über seinen Tod hinaus weiterexistieren lässt und dieser ihn in kleinen Dosen mit seinem Messer an die Opfer verteilen muss. Im Gegensatz zu Hitchcocks PSYCHO wendet sich Friedkin hiermit der wesentlich ambivalenteren Vater/Sohn-Beziehung zu. Die Autorität des Vaters findet ihre Institutionalisierung in der Polizei. Den Kontakt zu seinem Vater hat Steve Burns abgebrochen. Bei einer Erinnerung seiner Freundin, dass sein Vater angerufen hat, zeigt er sich teilnahmslos. Gedanklich ist er immer wieder in den Clubs und träumt vielleicht schon vom ersten Opfer, dass er mit seinem Messer beglücken kann. Um dies zu erreichen beginnt er sogar im letzten Drittel tatsächlich nach dem Killer zu suchen und treibt ein perfides Katz-und-Maus-Spiel, um sich an seine Stelle zu positionieren. All dies geschieht so unaufgeregt, dass man es kaum bemerkt. Die Konklusion am Ende fügt in der vorletzten Einstellung eine neue, erweiternde Komponente hinzu. Das Weibliche mischt sich ein und übernimmt die Symbole der anderen Welt. Burns muss sich in der letzten Einstellung im Spiegel mit sich selbst konfrontieren und hört bereits die schweren Schritte seiner Geliebten. Das Andere ist nun auch in den eigenen vier Wänden und nicht mehr in dunklen Kellerräumen. Eine Umkehr wird nie mehr möglich sein.


Donnerstag, 11. August 2011

Umbrüche


Sam Peckinpah gehört in die Riege derjenigen, die sich ihre Sporen (Wortwitz lass nach) bei Westernserien fürs Fernsehen verdient haben. Als Intellektueller, der immer gerne ein Prolet sein wollte, hatte er es schwer im klassischen Studiosystem bzw. wäre auf keinen grünen Zweig gekommen, hätte es zum Dekadenwechsel 50er/60er nicht den Wandel im (amerikanischen) Kino gegeben und hätten sich nicht so viele Freunde und Bekannte für ihn eingesetzt. So können wir bei GEFÄHRTEN DES TODES noch jede Menge Ford und schon einiges an Spät- und Italowestern erkennen.

Ein kräftiger aber abgekämpft aussehender Cowboy stampft in eine Spelunke und sieht ein grausiges Todesspiel. Ein Falschspieler wurde gefesselt und mit dem Galgen um den Hals auf ein Fass gestellt. Mit dreckigem Grinsen beobachten die Gäste seinen Kampf. Je mehr das Fass hin und her rutscht, umso enger wird die Schlinge. Zuerst uninteressiert, mischt sich der Cowboy plötzlich ein und fordert die Freilassung. Ein Freund des Falschspielers, der Revolverheld Billy Keplinger, betritt ebenfalls den Raum und zu dritt gelingt ihnen die Flucht. Von irgendeinem Kaff, wo es eine Bank gibt, redet der fremde Cowboy. Da solle man hin. Das Trio reitet daraufhin in das Städtchen, wo der Montag ein Sonntag ist. Zumindest für die streng gläubigen Puritaner des Ortes. Der Gottesdienst wird im Saloon abgehalten, da man keine Kirche hat. Unter den Anwesenden befindet sich eine Hure, welcher der Hass der anderen Frauen entgegen gespien wird. Einen Bastard habe sie, ein Gör, das keiner haben will. Wenige Minuten später wird dieses Gör von unserem fremden Cowboy erschossen. Versehentlich, weil er gerade einen Banküberfall verhindern wollte. Die Hure will ihr Kind daraufhin aus der Stadt bringen. Bei diesem Pack soll ihr Junge nicht seine letzte Ruhe finden. Dafür muss sie durch das Indianergebiet. Ausgerechnet der fremde Cowboy will sie begleiten. Doch die Strauchdiebe, die er sich am Anfang angelacht hat, kommen mit.

In seinem zusammengerumpelten Kino-Regiedebut transzendiert Sam Peckinpah den Western in Bereiche, die nahezu alles von dem vorwegnehmen, was Monte Hellman einige Jahre später in RITT IM WIRBELWIND und DAS SCHIESSEN getan hat. Konventionelle Handlungsverläufe oder dramaturgische Spannungskonstruktionen werden mehrfach unterlaufen, die Figuren reden auf Meta-Ebenen aneinander vorbei oder stellen sich und die Umwelt infrage. Aktionen scheitern schon in ihrem Ansatz - ein Kind wird von der Hauptfigur getötet als sie einen Überfall verhindern will - oder kommen, trotz vorheriger Ankündigung durch eine dramaturgische Verdichtung, gar nicht erst zustande. Der Hauptplot wird mehrfach verworfen. Stattdessen baut Peckinpah die Nebenplots so aus, dass man sie für wichtig halten könnte, doch am Ende wird dann alles wieder in einem konventionellen Sinn zusammengeführt. Durch das Happy End erkennt man am deutlichsten, dass Peckinpah sich genau an das Drehbuch zu halten hatte. Doch auf die wundersame Weise, die nur der Film beherrscht, schafft er es doch "sein Werk" daraus zu machen. Der Eindruck dadurch ist ebenso verstörend wie experimentell. William Clothiers Kameraarbeit ist hervorragende Breitwandfotografie in einer kargen Endzeitlandschaft. Wieder einmal ein Western als Endspiel inszeniert.