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Montag, 9. Juli 2012

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DER MANN, DER ZUVIEL WUSSTE (1956)

Bereits mit der ersten Szene macht Hitchcock sein Prinzip der Konnexion deutlich. Im Alltag vorkommende, harmlose Situationen, Detailelemente, die in der absoluten Verdichtung eines Tuschs kulminieren und innerhalb der musikalischen Struktur durch ein crescendo angekündigt werden. Das Zusammenfallen von Tusch und Schrei. Der Schrei nur entsteht, weil Verwicklungen dort hin führen, die das an sich Unbedrohliche bedrohlich werden lassen. Den Dingen einen anderen Sinn zusprechen. Die Komplexität und der konnotierte Sinn der Realität eine neue Realität formt, mit neuen Konnotationen, welche die eigentliche Wahrnehmung für den Rezipienten darstellt. Ein metaphysischer Konstruktivismus (Lacans Überlegungen dazu sind m.E. übrigens eine interessante Möglichkeit einen metaphysischen Idealismus zumindest partiell und mit Vorsicht wieder ins Boot zu holen) aus den Elementen des Film, eine Art "Wirklichkeitslenkung" durch den Regisseur, der uns durch das Abbilden eines physikalischen Raumes das Erleben einer nichtgezeigten vernetzten Welt aus Bedrohung, Schuld, Gefahr, schlicht vor- und unbewussten Ängsten erfahrbar macht. Selten hat Hitchcock einen deutlicheren Zusammenhang hergestellt, dass wir durch Schuld auch Verantwortung haben, dass das System keinen Schutz bietet, egal wie klar die Fakten auf dem Tisch liegen und das eine Dyade in Form eines Mann-Frau-Paares trotz bestehender Inkongruenzen versuchen kann innerhalb der "Zweitrealität" zu wirken. Köstlich mit dem letzten Gag verbindend auf den Punkt gebracht, wenn das Ehepaar seinen Sohn aus den Händen der Entführer nach allerlei Widrigkeiten befreien konnte, die geladenen Gäste, schlafend inzwischen, noch im Hause sind und das längere Wegbleiben nur damit kommentiert wird, man habe eben noch den Jungen abholen müssen.



NINJA, DIE KILLERMASCHINE

Ein Rundauge erlernt die japanische Kunst des Tötens und wird damit zum Held und Massenmörder. Ein Schlitzauge ist der Bösewicht und versucht ihn in seinem Held sein zu stoppen. Kann manches, wenn auch nicht alles.


DIE RÜCKKEHR DER NINJA

Ein Schlitzauge beherrscht die japanische Kunst des Tötens und wird damit zum Held und Massenmörder. Ein Rundauge ist der Bösewicht und versucht ihn in seinem Held sein zu stoppen. Kann (fast) alles.


DIE HERRSCHAFT DER NINJA

Eine rundäugige Aerobic-Lehrerin wird vom Geist eines bösen schlitzäugigen Ninjas in Besitz genommen und beherrscht dadurch die japanische Kunst des Tötens. Ein Schlitzauge ist der Gutewicht und versucht sie in ihrem Schurke sein zu stoppen. Kann fast gar nichts.


DIE HAFENKNEIPE VON TAHITI

Nach WK2 hat sich eine kleine polynesische Insel zu einer Art Kommune entwickelt. Polynesier, Japaner, Chinesen, Amerikaner, Australier und andere leben ein Leben im Paradies. Die Angst vor Rassismus und Intoleranz, widergespiegelt durch eine Bostoner Suffragette, lässt sie eine Charade veranstalten. Doch die junge Frau verzeiht, dass ihr Vater ein Hurenbock war, der lieber Mischlinge gezeugt hat und erkennt, dass man in dieser Traumwelt glücklich sein kann, wenn man die böse zivilisierte Welt hinter sich lässt. John Ford wollte es mal entspannter machen und man merkt wie schwer es ihm fällt eine harmlose Komödie zu drehen. Zu sehr ist sein Drang erkennbar auch aus diesem Stoff etwas Ernsthaftes zu machen. So verbindet sich der kafkaesk-absurde Humor seiner Komödien-Meisterwerke TABAKSTRASSE und SO EIN PECHVOGEL mit einem etwas bemühtem Rührstück.


DJANGO - SEIN GESANGBUCH WAR DER COLT

Da ich mich gerade mehr im amerikanischen Western befinde und ich seit Ewigkeiten mal wieder einen Italo-Western gesehen habe, ist mir hier so deutlich wie nie sonst aufgefallen, wie albern, lächerlich und absurd der Italowestern ist und sich eigentlich nur zum Auslachen eignet. Nachdem ich den Turn dann hinbekommen hatte, konnte ich mich wieder in die Stilmittel der Operette und des Comics fallen lassen, die den Italo-Western so bestimmen und so besonders machen (können). Fulci versucht einen eigenen Stil zu finden, schafft dies in den besten Momenten des Filmes auch, aber verliert sich in einem zu konventionellen Finale dann doch im Üblichen. Seinen Wunsch sexuelle Prägungsmetaphern in den Film einzuarbeiten begrüße ich natürlich, sowie die Absenz des Weiblichen in dessen Vernichtung kulminieren zu lassen und die Mutterfigur als Totem, den Vater aber als kastriert, sowie die Brüderhorde als homosexuell-destruktiv darzustellen. Doch dann bitte etwas mehr Konsequenz.



DER MANN MIT DEN RÖNTGENAUGEN

Sprudelt nur so vor Ideen. Am besten gefiel mir die Kamerafahrt durch ein Gehirn.

         

ALIEN TERROR

Ein Nostalgiefilm meiner Kindheit, der tatsächlich an Abgedrehtheit wenig eingebüßt hat. Den haben wir damals auf einer Klassenfahrt gesehen. Wir waren 12/13 und haben beim FSK-Hinweis schnell vorgespult. Unsere Lehrerin hat gekreischt und gejault, aber ließ den Film trotzdem weiterlaufen. Besonderes Amüsement entstand durch die Szene, bei der einem Außerirdischen, der sich einen Menschen als Wirtskörper genommen hat, der Fuß mit einer Schrotflinte abgeschossen wird. Die Außerirdischen können sich nämlich regenerieren, aber weil er sturzbesoffen ist, wächst ihm statt eines neuen Fußes, eine neue Hand. Das Ganze natürlich mit viel Blut und Gekröse und am Bein befestigter Kamera bei der Weglauf-Szene. Auch dürfte der Film bis heute den Rekord an Innocent-Bystander-Shooting halten. Bei der 57. Person, die unschuldig umgelegt wurde - natürlich für jeden einen einzelnen Kamerashot, aber mindestens immer zwei bis drei Schüsse, auf die dann vier bis fünf blutige Squibs folgen - habe ich aufgehört zu zählen. Eine der Außerirdischen wird in ihrem Menschenkörper notgeil, so dass sie ständig neue Lover braucht. Problem: Die verbrennen zu Asche, wenn sie mit einem normalen Menschen vögelt, so dass das Motto lautet: Ein guter Fick, ein Mann. Ein wirklich herrlich überdrehter Unsinn. Ist einen Blick wert.


DIE HALUNKEN

Herr Gott im Himmel und alle Heiligen dazu! Der einzige Film Dario Argentos, der nicht dem phantastischen Film oder dem Giallo zuzuordnen ist und was für ein Hammer. Jedoch, es ist bestimmt nicht falsch, ein bisschen Fellini, ein bisschen Pasolini und ein bisschen Leone zu kombinieren. Im Sinne Baudrillards schafft Argento hier ein Simulacrum, welches seine Vorbilder zwar benennen kann, aber trotzdem nicht weniger ängstigt in seiner Perfektion. Eine Perfektion, die leider - im Endeffekt zumindest - leer bleibt. So überwältigend nahezu diese Historienposse auch gewesen sein mag.


URBAN JUSTICE - BLINDE RACHE

Bei diesem DTV-Seagal-Kracher wäre mehr drin gewesen. Trotzdem auch bei mehrfacher Betrachtung faszinierend in seinem reduktionistischen Bestreben Rache als konzises Handeln mit jeder Menge Kollateralschaden abzubilden, den man vermeiden könnte, würde man die zu Beginn erwähnte Agenda "Ich töte nur den Schuldigen am Tod meines Sohnes" einhalten.



KALTE WUT

Breit angelegter Rape-and-Revenge-Martial-Arts-Thriller mit Chuck Norris, der im typischen Design einer MGM-Produktion der späten '70er, frühen '80er Jahre pompös daherkommt und sich durch die Ökonomie seiner heute anachronistisch, weil nüchtern-brachial wirkenden Härten sukzessive zu steigern weiß.


AMERICAN FIGHTER II - DER AUFTRAG

Lief auch bei der ca. 45. Betrachtung ab wie ein Uhrwerk.


FRIGHT NIGHT (2011)

Dieses auf einer kleinen und feinen Vorlage basierende Remake ist so innovativ wie ein James Bond mit Schießkugelschreiber.


ASYLUM

Schon etwas über die Zeit seiender Brit-Horror, der trotzdem durch die angelsächsische Nüchternheit des Bildaufbaus binnen weniger Sekunden den größten Schwachsinn unheimlich werden lässt und so jeder Zeit den Riss in der Wirklichkeit erfahrbar macht.


HORROR HOUSE - HOUSE III

Angelsächsischer Horror von der anderen Seite. Die parapsychologische Ebene transzendenter Existenzwelten wird durch Elektrizität erklärt, welche zwischen der paranormalen Welt und den Naturgesetzen der Physik den Brückenschlag liefert, um einen Serienkiller, der auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde, auf eben jener Brücke zurückkehren zu lassen, um den Polizisten, der ihn schnappte, zu terrorisieren. Interpretationstechnisch einer der Höhepunkte postmodernen Horrors.


I LOVE YOU PHILLIP MORRIS

Wenn das ein Zeichen für heutige Freiheit im amerikanischen Massenkino sein soll, dann "Gute Nacht". Die Steifheit der Akteure, das Flüchten in die Grimassen und ewig gleichen Standardkomiksituationen eines früheren Komikgenies, ein die stolz vorgetragenen Ideen nicht ausarbeitendes Drehbuch, eine unschlüssige Regie und ein Klischeeberg von anno dazumal runden diesen wohl größten Fehlschlag eines Versuches ab, den ich in diesem Jahr gesehen habe.

IMMER ÄRGER MIT HARRY

Genial, bewundernswert, märchenhaft, einmalig.


DER SENKRECHTSTARTER

Am Boden, am Boden vor Lachen. Genau die richtige Entlastung für einen angespannten Geist.


ZWEI RITTEN ZUSAMMEN

Gerade wegen seiner Unzulänglichkeiten interessant (Ford hasste den Film) und der eindrucksvollste Beweis dafür, dass diejenigen, die in diesem Film (so wie in allen Filmen Fords) Ablehnung oder Feindlichkeit den Indianern gegenüber sehen, nichts, aber auch wirklich rein gar nichts von Ford verstanden haben und nur das ewig gleiche Gesülze einer fehlgeleiteten und wertkonservativen Arschloch-Kritik weiterbeten, welche den Diskurs um den größten und einflussreichsten Filmregisseur, den es je gab, vergiftet hat.


GREMLINS - KLEINE MONSTER

Leider eine Kindheitserinnerung, die mir heute nur noch hohl und seelenlos erscheint. Zu viel Perfektion im Versuch der B-Film-Hommage.


DER MANN, DER LIBERTY VALANCE ERSCHOSS

!!!


NEVADA-PASS

Schönes Western-Serial im Gewand des Spätwesterns.


VIELE GESICHTER HAT DER TOD - STREET GANG

Hatte mich zu sehr vorbereitet auf diesen Terrorkracher. Konnte dadurch nicht die krasse Wirkung entfalten, die möglich gewesen wäre. Trotzdem schon lange kein so rohes Stück Kino mehr gesehen.


HONOR & GLORY

Godfrey Hos Martial-Arts-Kracher hat zusammen mit THE BOOGEY MAN II gute Chancen auf die Gurke des Jahres. Godfrey Ho hat übrigens, was aus medientheoretischer Sicht sehr interessant ist, von diesem Film zwei verschiedene Fassungen erstellt. Eine mit eher caucasischen Darstellern und eine mit eher asiatischen. Dabei hat er das Material munter zusammengeschnitten, dass es sich um ein und denselben Film handeln soll, aber zwei völlig unterschiedliche Filme dabei herausgekommen sind.


LICHTER DER GROSSSTADT

Chaplins Meisterwerk habe ich diesmal aus dem Blickwinkel von Subjekt-Objekt-Beziehungen und -Wahrnehmungen betrachtet, der Nicht-Existenz des Tramps innerhalb des gesellschaftlichen Raumes, den ständigen Schwulitäten und - darüber mache ich mir allerdings immer Gedanken - das Brecht'sche Motiv vom Millionär, der menschliche Nähe nur im Suff zulässt, wenn er seinem Hang zum Sumpf frönt und sich so mit dem Proletariat abgibt. Die geschäftliche Nüchternheit des Millionärs an eine dissoziative Störung zu koppeln, ist eine schöne Metapher für eine "Krankheit der Reichen". Hinzukommen natürlich die ständigen Suizidversuche. Am Ende kamen mir dann natürlich mal wieder die Tränen. Für mich schon fast zu viel Perfektion am Endpunkt des frühklassischen (Stummfilm-)Kinos.



NINJA TERMINATOR

:lol:



DIE SCHLÜMPFE

:dissed:


SAW VI

:gaehn:


SAW VII - VOLLENDUNG / SAW 3D


:zzz:

Freitag, 15. Juni 2012

Matriarchat-Trilogie

Der Filmgelehrte Andrew Sarris hat drei Filme John Fords zu einer so genannten Matriarchat-Trilogie zusammengefasst, TROMMELN AM MOHAWK, SCHLAGENDE WETTER und SIEBEN FRAUEN. In allen drei Filmen ist das "weibliche Prinzip" das bündelnde Element und die Filme werden mal mehr mal weniger aus der weiblichen Perspektive erzählt. Interessant genug, um hier mal eine Fotostrecke mit den Filmen zu beginnen.

In TROMMELN AM MOHAWK (1939) spielt Claudette Colbert ein Mädchen aus gutem und wohlhabendem Hause, welches gegen den Willen der Eltern einen Mann aus ärmlichen Verhältnissen heiratet (Henry Fonda) und dem Elternhaus in Neuengland den Rücken kehrt. Der Film spielt zurzeit des Unabhängigkeitskriegs und nun gehören sie zu den vielen Pionieren, die sich eine eigene Existenz aufbauen wollen. Schnell muss sie erkennen, dass das Leben auf einer Farm, die alleine bewirtschaftet werden muss, kein Zuckerschlecken ist. Die Briten machen sich unterdessen die Mohawk-Indianer zunutze, in dem sie sie gegen die weißen Siedler aufhetzen (ohne Elemente der unfreiwilligen Komik wie in DeMilles DIE UNBESIEGTEN). Zum Schluss verbarrikadiert sich das, was Amerika mal sein wird, in einer Blockhütte gegen die Angreifer. In dieser Hütte befinden sich Weiße, Schwarze und Indianer, die gegen die von Briten gelenkten Mohawks kämpfen.


Noch hat Lana gut lachen.


Nachdem sie alles verloren haben, kann ihnen nur Mrs. McKlennar weiterhelfen, welche die ganze Region fest im Griff hält.


Mrs. McKlennar weiß, wie man Feste feiert. Wie jedes Jahr hält sie die Rede zum Erntedankfest.


Daisy lebt als freie schwarze Frau auf dem Besitz der McKlennar.


Frauen zu den Waffen. Lana gehört zur letzten Hoffnung in der Blockhütte.


Das Feuer wird eröffnet. Die Frauen sind die letzte Bastion gegen den Zusammenbruch.


Am Ende der Schlacht sucht nicht die Frau nach dem Soldaten, sondern ein verstörter Mann nach der Soldatin.


Der zweite Film der Matriarchat-Trilogie ist die monumental angelegte Familien Chronik SCHLAGENDE WETTER (1941) in der Ford die Geschichte einer Bergarbeiterfamilie in Wales im ausgehenden 19. Jahrhundert erzählt. In Fords ihm eigenen "schwebenden Stil" bildet das walisische Dorf und seine Existenz durch den Bergbau eine Klammer innerhalb derer dutzende kleinere und größere Episoden erzählt werden können. Zeitlich handelt es sich um eine einzige große Rückblende aus einem Fenster gefilmt - Fords Standardmetapher -, die am Ende transzendiert wird zu einem Gleichzeitigkeitserleben von Realität und Fantasie. Auch der Erzähler der Geschichte, Huw, der durch die Rückblende alle Ereignisse aus der Sicht eines Kindes berichtet, ist sich am Ende nicht mehr sicher und expliziert, was Ford durch die letzten Bilder erkennen lässt, dass Traum und Wirklichkeit eins werden.

Da es in SCHLAGENDE WETTER, anders als bei TROMMELN AM MOHAWK, nicht um eine archaische Grundsteinlegung geht, sondern genau andersherum um die langsame Zerstörung einer in sich harmonischen Welt durch kapitalistische Mechanismen und die Weigerung der Dorfbewohner rigide Strukturen zu überdenken, kann Ford einen wesentlich komplexeren Blick aus Sicht der "weiblichen Perspektive" einnehmen. Vorrangig geht es um die Regulierung im Hintergrund, die von Frauen getätigt wird, sowie sexuelle Selbstbestimmung, Aufbrechung überholter Normen, welche die Frau gängeln und Patchwork-Familie.

Ich habe wiederum hauptsächlich Nah- und Close-Up-Aufnahmen gewählt.

Gleich zu Beginn nimmt Ford Bildwirkungen des Neorealismus vorweg. Das einst blühende Tal ist zerstört, Gebäude verfallen, die Familien sind zersplittert und das Geld ist knapp.




Im Dorf halten sich nur noch alte Frauen auf, die auf die wenigen Arbeiter warten, die für einen Hungerlohn tätig sind. Viele sind fortgezogen oder tot.


Hier nun in der Rückblende, die gleichzeitig als Erinnerung ausgegeben ist, waren die Zeiten besser. Die im Bergwerk arbeitenden Männer führen ihren Lohn brav bei den Frauen ab. Beth Morgan ist die Alma Mater.


Als die Löhne immer schlechter werden kommt es zu Streiks, Streikbrechern und Niedriglohnarbeitern von außerhalb. Die Dorfgemeinschaft droht zu zerbrechen, die Bergbaufirma scheint zu gewinnen. Beth Morgan (Sara Allgood) hält eine flammende Rede, um das Dorf zu retten.


Beth Morgan bezahlt ihren Einsatz fast mit dem Leben und es beginnt ein langer Genesungsprozess. Als sie wieder gesund ist, dankt ihr das gesamte Dorf.


Hier kulminiert sehr viel. Ford zeigt einen Moralapostel, der die Kirche nutzt, um eine Frau bloßzustellen, die mehrfach unehelichen Sex hatte und nun ein Kind erwartet. Er möchte sie nicht nur des Dorfes verbannen, sondern auch in die ewigen Feuer der Hölle. Angharad (Maureen O'Hara) steht plötzlich auf und protestiert gegen diese Heuchelei. Sie verlässt wutentbrannt die Kirche.


Angharad liebt den neuhinzugezogenen, liberalen Prediger. Er kommt aus der großen Welt und sie möchte ihn haben, doch er hat Angst vor dem, was die Leute sagen könnten. Eines Nachts schleicht sie in sein Haus und überrascht ihn. Beim langsamen heller werden der Lampe scheint sie wie aus der Dunkelheit zu schweben, obwohl sie unbewegt auf dem Sessel sitzt. Bildkompositorisch meisterhaft!


Da Angharad die wahre Liebe verwehrt bleibt, kommt es zu einer Zweckhochzeit. Sie verlässt das Dorf mit ihrem wohlhabenden Mann und wird wie in einem Glaskäfig leben. Als sie in das Dorf zurückkehrt, wird sie schließlich doch noch eine Affäre mit ihrem Prediger beginnen. Das Dorf wird sie dafür als Ehebrecherin und als Verführerin eines Geistlichen brandmarken. Die Fraktion der Moralapostel wird erreichen, dass er abberufen wird. Ihre Liebe hat aufgrund rigider Normen keine Chance.


Durch Bronwyn (Anna Lee) wird sich der nicht mal 10 Jahre alte Huw seiner sexuellen Wünsche bewusst. Er selbst erzählt sogar, dass manche behaupten würden, Kinder könnten so etwas nicht empfinden, aber er weiß schon jetzt, dass es die Frau ist, die er ewig lieben wird.


Bronwyn heiratet einen Bruder Huws, doch dieser wird im Bergwerk umkommen. Glückliche Momente sind immer nur von kurzer Dauer. Sie fühlt sich einsam und die Morgans wollen sie bei sich aufnehmen. Da sie wissen, dass dies Bronwyns Stolz als selbstständige Frau und alleinerziehende Mutter verletzen würde, soll der kleine Huw dies auf formalem Wege regeln. Er bittet sie ins Haus der Familie zu kommen.


Die Katastrophe einer Schlagwetterexplosion führt die drei zentralen Frauenfiguren nach langer Zeit wieder (in einer Einstellung) zusammen.


Das Ende lässt sich aufgrund seiner Verquickung aus Rückblendenaufnahmen, Traum- und Wunschvorstellungen, sowie deren Montage als Aufbrechung von Raum und Zeit (vom Erzähler etwas über Gebühr erwähnt, aber 1941 brauchte ein Publikum das in einem Nicht-Musical-Film wohl) leider nicht sinnvoll in Stills abbilden.

Der dritte Film der Matriarchat-Trilogie ist auch gleichzeitig der letzte Spielfilm John Fords. Im Gegensatz zu anderen Regisseuren seines Formats hatte Ford erhebliche Probleme damit, seine Karriere zu beenden. Das kommt wiederum seinem Alterswerk zugute. Der japanische Film- und Literaturwissenschaftler Shigehiko Hasumi, der durch Übersetzungen von Deleuze, Derrida und Barthes den Poststrukturalismus nach Japan brachte, meinte, dass wohl kein anderer Filmregisseur sein Werk mit derartiger Meisterschaft zu Ende gebracht habe.

Eingefügtes Bild

Mit Blick auf den 1965 entstandenen SIEBEN FRAUEN möchte ich ihm da fast recht geben. Ford schafft eine geradezu beängstigende Isolationssituation, wenn er eine von einer Amerikanerin geführte Missionsstation zeigt, die sich im China der 1920er Jahre vor allem was ihr fremd erscheint verschließt. Tatsächlich in der Annahme verhaftet, den wahren Glauben zu vermitteln, leben die Menschen dort in einer Enklave. Anders als in den anderen beiden Filmen spielen Männer in SIEBEN FRAUEN praktisch keine Rolle mehr. Sie sind präsent in Form marodierender Mongolen, die plündern, vergewaltigen und morden, sowie mit ihren stark geschminkten Gesichtern die häßlichen Fratzen gewalttätiger und besitzergreifender Männer darstellen, ganz aus der Sicht unterdrückter Frauen. Das "männliche Prinzip" ist gekenzeichnet durch Eroberung, Gewalt und Destruktion. Die Psychodynamiken konzentrieren sich vollständig auf die Frauenfiguren.


Agatha Andrews führt die Station mit Eiserner Hand. Um eine Verbreitung irgendwelcher Anschauungen geht es schon lange nicht mehr. Man ist in einen fremden Raum eingedrungen, um dort weltfremd zu leben.


Anders als in anderen Filmen Fords führt das Abbilden von Ritualen und Traditionen nur noch in die Regression.


Agatha ist in die 18-jährige Emma verliebt, aber ihr strenger Glaube verbietet ihr, sich zu dieser Liebe zu bekennen. Zaghafte Annäherungen als Besorgnis getarnt, sind alles, was sie sich zugesteht.


Dr. Cartwright ist der neue Missionsarzt, der eingeritten kommt wie John Wayne. Nur ist Er eine Sie.


Cartwright ist eine Frau mit modernen Ansichten und hat für das Regiment der Andrews nur Spott übrig. Sie bezeichnet sie als einen "small time dictator".


Charles Pether ist der einzige Mann der Station. Dem starken Willen von Agatha Andrews ist er nicht gewachsen.


Cartwright ist Andrews ebenbürtig. Bei ihr hat Agatha das Gefühl sich aussprechen zu können. Es entsteht ein kurzer Moment der Öffnung.


Als die Männer in die Station eindringen, bricht die Hölle los.


Mrs. Pether, obwohl hochbetagt, bringt sie einen Sohn zur Welt. Agatha Andrews ist dem religiösen Irrsinn verfallen. Emma ist durch die schrecklichen Ereignisse gereift.


Mrs. Ling, die Dolmetscherin der Station, ist eines von vielen Vergewaltigungsopfern.


Cartwright kann durch ihr Selbstopfer die anderen retten. Mit einem sehr innigen Kuss verabschiedet sie sich von Miss Binns. Ähnliche offensichtliche homoerotische Zärtlichkeit gibt es übrigens auch in FAUSTRECHT DER PRÄRIE und besonders in WEM DIE SONNE LACHT. Da allerdings zwischen Männern.


Cartwright vereint in der letzten Einstellung die Geschlechter. Beides hat sie im Film repräsentiert. Sie tötet den Mongolenfürsten und wird ihrem Leben ein Ende setzen, um der Massenvergewaltigung zu entgehen. Ford blendet ab und sich aus dem Kino aus.


Dienstag, 29. Mai 2012

Weltenkollisionen und Anderes

(THE SEARCHERS)
USA 1956
Regie: John Ford

Aus der Schwärze einer Hütte, Amerika, schreitet die Geliebte, die einen anderen geheiratet hat, durch die Tür in das wilde Land hinaus. Noch lächelt sie, denn sie sieht einen Geist der Vergangenheit. Jenseitig ist Ethan Edwards bereits, doch er muss sich noch durch dieses Land schleppen, welches so rot, wild und zerklüftet ist, wie die Menschen, die es ursprünglich bewohnen. In dieser Marslandschaft wirkt die Farm wie ein Fremdkörper. Sie gehört dort nicht hin und auch Ethan gehört dort nicht hin. Sein Leben wird durch die ständige Bewegung definiert. Stillstand wäre der Tod, würde er ihn mit der Sinn- und Bedeutungslosigkeit seiner Existenz konfrontieren. So flüchtete er in einen Krieg, weil die Frau, die er liebte, einen anderen, seinen Bruder, geheiratet hat. So hatte er keine Chance auf Familie und lebte für den Krieg. Auch da versagt er, stand er auf der Seite der Verlierer, doch kann er vor der Niederlage nicht davon laufen, da sie innerhalb seines eigenen Landes stattfand. So wurde er zum Drifter, hat frisch geprägtes Gold aus dubios erscheinenden Quellen, gibt ungenaue Antworten über Verbleib und Tätigkeit in den Jahren nach dem Krieg. Kinder verstehen ihn, Kinder mögen ihn. Nur die Erwachsenen, die in dieser zivilisierten Welt leben, die versteht er nicht.

Als Fremdkörper in der eigenen Familie hängt er sich an die erstbeste Gelegenheit wieder loszuziehen. Gegen Komantschen geht es. Sehr gut. Das Zwei-Fronten-Prinzip nicht zu vereinigender Kulturen wird widergespiegelt durch sich in Hass wälzenden Vertretern ebendieser. Der Kommantschenhäuptling tötet aus Rache für seine von Weißen getöteten Söhne. Ethan tötet,…, ja, Ethan tötet. Warum? Weil es nichts mehr zu tun gibt. Weil er keine Aufgabe, keine Funktion mehr hat. Er sucht sich einen Grund zum Töten, in dem er die Suche nach seiner Nichte, zu der er keinerlei Verbindung außer die Blutsverwandtschaft hat, zu einer Art Chefsache erklärt. Diese Suche soll ihm wieder einen Sinn geben. Er darf sie nicht finden. Er braucht die Suche nur, um seinen Hass auf das Wilde, das Ungezähmte ausleben zu können. Auf das, was er selbst geworden ist. Was er abgrundtief hasst und gleichzeitig bewundert, weil es in der Struktur der Nomaden als ewige Fortbewegung eins mit dem Land lebend existiert. So wie er es gerne tun würde, aber nicht kann, denn er ist ein Weißer, der nur Okkupation, aber nicht Integration kennt. Doch seine Leute wollen ihn auch nicht. Niemand will ihn. Er war mal zu etwas Nutze, doch jetzt soll er bitte verschwinden. Sein Hass, seine Ausdauer, sein Willen lassen ihn zum Ziel kommen, welches er vernichten will. Vernichten will er seine Nichte, denn sie ist, was er gerne wäre, aber nie sein wird und deshalb hasst, so wie er alles hasst, was er ist, aber nicht sein kann. Passend zum Heyoka-Prinzip des Stammes, den er jagt. Dem Prinzip, das Eine zu sagen und das Gegenteil zu machen. Darin ist Edwards gefangen. Er kann es nicht bewusst leben. Nur unbewusst. Wie ein Tier. Die traurige Bilanz der Pervertierung eines stolzen Kriegers durch zivilisatorische Mechanismen.

HOUSE
(HOUSE)
USA 1985
Regie: Steve Miner

Fast schon virtuos werden die Skills des Horrorkinos in ein postmodernes Gewand gekleidet, zwecks Inkludierung amerikanischer Vergangenheitsbewältigung für einen verlorenen Krieg, Rehabilitierung verlorener Tugenden und Reaktivierung des Mythos, aber gleichzeitig der (fiktionalen) Wahrhaftigkeit über das männliche Prinzip der Errettungsfantasie, um sie so zu einer regressiven Reise in die Manifestationen unbewusster Ängste als Konfrontation mit der physikalischen Verzerrung ebensolcher hochzuspielen und durch humoristische Relativierung mit adoleszenten Vorstellungen von Erwachsenenrealitäten gefügig zu machen. Sehr unterhaltsam.

HOSTEL
(HOSTEL)
USA 2005
Regie: Eli Roth

Enorm verdichtende Zuspitzung eines Isolationszustandes, der in der Liberalität eines Amsterdamer Rotlichtbezirks beginnt und in einem dunklen Kellerraum am Ende eines Ganges endet, bis die neu erworbene Lebensbedeutung auf den kleinsten Nenner fixiert ist und ihrerseits, trotz symmetrischer Retributionsattacken, im ausgelebten Blutrausch als Replik einer narzisstischen Kränkung mündet. Der symbolische Vertreter einer Kapitalismusnation wird mit den pervertierten Auswüchsen seiner von ihm selbst stolz aber unwissend vorgetragenen Kolonialisierungsidee konfrontiert und wird auf deren geistiges Ur-Prinzip zurückgeworfen, dass totale Individuation Isolation bedeutet.  


Zusatz: Da sich zu meinem Text an anderer Stelle eine Diskussion entwickelt hat, werde ich diese in den Kommentaren veröffentlichen. Über eine Teilnahme würde ich mich sehr freuen.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Kurts Eindrücke

COCKTAIL FÜR EINE LEICHE

Der Originaltitel ROPE lässt die inhaltliche Ebene des strangulierenden Seiles und die experimentelle formale Ebene des nicht-sichtbaren Schnittes erkennbar werden. Wie an den Verlauf des geflochtenen Stricks erinnert der Verlauf des Filmes. Läuft oberflächlich gesehen gerade an ihm entlang, mit fühlbaren Unebenheiten, wenn man das Seil genauer anfasst, verdeutlicht durch plötzlich sichtbare Schnitte, präzis gesetzt. Etwas sehr ein Planspiel, aber das macht nichts.

RAMBO III

Eine sehr affektorientierte Betrachtung, die mir das Gefühl vermittelte, jede Zelle meines Körpers würde vom Film durchdrungen. Die Mythologisierung ging bei dieser Betrachtung voll auf. Lachen verboten!

AMERICA'S MOST WANTED

Sowas formelhaftes muss man erst mal auf die Reihe kriegen.

HARD RIDER

Kleines Meisterwerk unter den Bikerfilmen. Der Schwarze ist tot und der Weiße hat ihm versprochen dafür zu sorgen, dass der Indianer zu seiner Beerdigung kommt. Der Schwarze war eine Weise, geliebt von allen, die ihn kannten und der Weiße erbt seinen Feuerstuhl und seine weiße Braut. Der Weiße ist der Stellvertreter für den Schwarzen und in Vietnam hat der Weiße dem Schwarzen versprochen, dass er ihn nie alleine lassen würde. Und er hält Wort. Nach einem Akt der Gewalt müssen zwei Särge aufgebahrt werden. Mir standen die Tränen in den Augen.

DIE GROSSE KEILEREI

Durch westliche Mechanismen gezähmtes Hongkong-Spektakel. Ein Schlag in die Fresse ist die ultimative Problemlösung. Kino in seiner ursprünglichsten Reinheit.

SKLAVIN DES HERZENS

Wie schon bei dem von mir für genial befundenen RIFF-PIRATEN ist es interessant Hitchcock und seine Stilmittel, seine künstlerischen Visionen in artfremden Genrefilmen zu sehen (außer im katastrophalen MR. UND MRS. SMITH). Etwas dialoglastig wird hier ganz wunderbar der Ständekampf, das Fallhöhenprinzip, die Schuldfrage und der Giftmord auf eine Weise thematisiert, die keine Figur - nicht mal die Haushälterin - schlecht wegkommen lassen. Gerade so, als würde sich Hitch bei den Figurenzeichnungen bei Ford bedienen. Wobei diese Ausgeglichenheit natürlich auch ein Merkmal Hitchcocks ist, doch fiel es mir hier mehr auf. Nebenbei ein schöner Film über die Reibungspunkte zwischen Konventionen und Idealen und beschenkt mit einer der besten Kameraführungen von allen Hitchcocks.

DEATH WISH V - THE FACE OF DEATH

Paul Kersey geht in das Licht.

DIE ROTE LOLA

Jane Wyman ist toll und Marlene Dietrich... mir fehlen die Worte. Ansonsten finde ich es bemerkenswert, wie unterhaltsam Hitch es fertig bringt eine völlig ohne Spannung auskommende Geschichte zu erzählen. Spannung im Sinne einer Bedrohung. Die Kameraführung ist wieder konventioneller, jedoch ist die Zeitverzerrung am Ende, wenn Jane Wyman die Kutsche verlässt, eines der eindrucksvollsten Stilmittel, welches ich in diesem Jahr gesehen habe. Zeit steht still, wenn vermeintliche Mütterlichkeit männlichen Mordwahnsinn "caregived" und dann ist es doch einfacher Selbsterhaltungstrieb. Der Film ist durch die biedere Grundgeschichte in ihrer Umsetzung eigentlich einer der größten beweise für Hitchcocks Können.

14 TAGE LEBENSLÄNGLICH

Gefällt mir immer noch. Ein guter deutscher Versuch, den Deutschen an das heranzuführen, was er aus seinem eigenen Lande hasst: einen Genrefilm.

DER FREMDE IM ZUG

Umkehrung der Jane-Wyman-Figur. Die männliche Hauptfigur ist absolut handlungsunfähig und kann nur aktiv werden, wenn andere die Verdichtung heraufbeschwören. Selbst ein Toter trägt mehr zur Rettung unseres Protagonisten bei, als er selbst. Wunderbar die Einstellung, wenn der Unhold im Sterben begriffen, immer noch überzeugend alle Schuld unserer depperten Hauptfigur geben kann und jeder ihm glaubt und erst im letzten Atemzug das ihn verratende Feuerzeug durch Erschlaffung seines Körpers, im Tode nun, dem Polizisten entgegen reicht. Das Karusselfinale camoufliert geschickt den etwas uninspirierten Verlauf.

VATERTAG

Gelungener dritter Teil der Stepfather-Trilogie. Nach dem katastrophalen zweiten Teil ein durchdachtes Drehbuch über die Unerfüllbarkeit einer ES-gesteuerten Pathologie und eine sorgfältige Regie. Allerdings benötigt man innere Ruhe für den Film.

Samstag, 28. April 2012

Kurz und bündig

SUPERMAN

Richard Donners Film aus dem Jahr 1978 ist immer noch als der Startschuss ernstgemeinter und ernstzunehmender Superheldenverfilmungen im Gewand des Event-Blockbusters erkennbar. Doch mehr besitzt Donner auch den Mut, mit den Stilmitteln verschiedener Kinogenres zu spielen. Wenn er dem Mythos schon nicht zersetzend zu Leibe rücken möchte, so doch mit den Mitteln der Kinomagie. Abseits der damals und z.T. auch heute noch beeindruckenden Spezialeffekte, werden wir durch die Transzendenz des Musicals in die Gedanken - und Zwischenwelten eines Gottes geholt. Ein Lufttanz zwischen den Wolken wie Fred und Ginger, dank unmöglicher Kräfte in die Vorstellungskraft des Möglichen übertragen. Eine Erlöserfigur, eine männliche Potenz, ohne Sexualität, kontrastiert durch überholte Wertvorstellungen im Bann gehalten. Unermessliche Macht benötigt Demut und Entsagen können, sonst wird sie gefährlich.

DIE WILDEN SCHLÄGER VON ROCKERSTOWN

Eine weitere Variante im Rockeruniversum um den Versuch ein konventionelles Leben zu führen. Deutlich sind die Westernanleihen zu erkennen, wenn es nicht um Pferde- sondern um Motorraddiebstahl geht. Der unangepasste Loner, mit Cowboyhut, muss sich sein Eigentum von wilden Rockern zurückholen. Jetzt sind es nicht mehr Indianer, sondern degenerierte Weiße, die marodierend, plündernd und vergewaltigend durch die Lande ziehen. Ähnlich wie die Indianer haben sie einen Ehrenkodex. Eine abgelegte Squaw - hier eine durchgefickte Motorradschlampe im Minirock - wird unserem Loner auf die zerschlagene Visage geworfen. Soll er sich mit ihr amüsieren. Interessant in seinem konservativ-misogynen Ende, welches, anders als bei John Fords RINGO, keine Zukunft für den Rache fordernden Loner und die Hure sieht, sondern alles schön beim Alten und Gewohnten lässt.

SCHWULE MÜTTER OHNE NERVEN

Überkandidelte und hysterische Schwulenkomödie im Stile der Filme Almodovars, die ihre Spießigkeit und Verklemmtheit kaum verbergen kann.

SUPERMAN II - ALLEIN GEGEN ALLE

Hier muss sich der Allmächtige nun mit seiner dunklen Seite konfrontieren und das gleich dreimal. Drei Kryptonier, alle mit der gleichen Macht wie der Exilant ausgestattet, stehen für die drei Versuchungen. Die sexuelle Gier, verkörpert durch eine androgyne Schönheit, die reine Kraft, verkörpert durch einen tumben Klotz und die Intelligenzija, verkörpert durch den machthungrigen General Zod. Diesen drei Versuchungen muss Superman widerstehen und sogar die reine Liebe vergessen. Das Entsagungsprinzip des Individuums ist in diesem Film geradezu vorbildlich zu erkennen, damit es, in Relation zu seinen Fähigkeiten, als Held angesehen werden kann.

IM LAUF DER ZEIT

Eine freie Entwicklung aller Figuren, in all ihren Fehlbarkeiten erkennbar, ohne denunziert zu werden, als Spiegelbild einer aufgebrochenen und schon wieder am Ende stehenden Generation und Zeit. Geschickt verknüpft mit den Elementen amerikanischen Genrekinos. Der Loner hat Angst vor der Verantwortung und flüchtet sich in die Illusion der pop-kulturellen (Kino-)Mythen, schneidet Loops aus Vergewaltigung, Hard Core und Explosionsfantasie aneinander und verführt damit die Vorstadtschönheit, die abgestumpft in einem deutschen Dasein als alleinerziehende Mutter existiert. Der Selbstmörder lässt alles hinter sich und versucht aus einem wackeligen Selbstfindungstrip Rückschlüsse auf die Sinnhaftigkeit einer bürgerlichen Existenz zu ziehen. Marxistische Überlegungen der Ausbeutung? Ja, ...ja und nein. Selbst ausbeutend, aber entschleunigend. Mit der Zeit arbeitend und dadurch das Ehrliche erkennbar machend. Die Trägheit des sich treiben lassen als Monotonie, mit seinen Gedanken und Gefühlen allein sein zu müssen. Schwarz/Weiß gibt dieser Kinorealität einen Sinn. In Farbe wäre es eine nicht zu ertragende Tristesse.

STARSHIP TROOPERS II - HELD DER FÖDERATION

Mir auch beim zweiten Mal immer noch sehr gut gefallende DTV-Fortsetzung, welche den Feind in das Innere holt. Bodysnatcher infiltrieren den Menschen, zersetzen die Spezies genetisch und wollen so eine Extinktion abseits eines physikalischen Alter/Ego-Kampfes. Hierarchiestrukturen dienen als Leitfaden für die virale Infektion und das Militär als männlich strukturierte Organisation kann nur auf Destruktion basieren. Die flüchtende Mutter, einst selbst martialische Kämpferin, erkennt in ihrem Entsetzen die Fehlbarkeit des Systems, dem sie selbst diente und nun als Gebährmaschine weiter dienen wird.

EIN AUSGEKOCHTES SCHLITZOHR

Die Drosselung amerikanischer Autos auf 85mph beschert uns hier einen der wundervollsten Autoverfolgungsjagdfilme mit ihren Rollenklischees perfekt entsprechenden Darstellern. Denkwürdig Jackie Gleason als Karikatur eines Südstaatensheriffs. Faszinierend in seiner Durchschreitung des Landes auf einer ständig vorwärts gehenden Linie, dem Prinzip der Verfolgung als archaisches Ritual des Wettstreits und der (scheinbaren) Endlosigkeit. Der amerikanische Pionier kann nur in dieser ständigen Bewegung jenseits all seiner Widersprüchlichkeit existieren.

SUPERMAN III - DER STÄHLERNE BLITZ

Das von zwei Juden erschaffene post-zionistische Geschöpf mit der christlichen Einstellung steht diesmal einem anderen Mis-Fit gegenüber. Der in der amerikanischen Gesellschaft unterdrückte und zu Beginn aus dem System gekickte Afro-American entpuppt sich als Genie am Computer und kann damit sogar Superman gefährlich werden. Die blonde Dumpfmaus liest Kant im Vorbeigehen und übt Kritik an seiner Kategorialtheorie und auch Supi selbst muss sich mit seiner inneren Zerrissenheit konfrontieren. Ganz im Stile des Mannes aus Stahl muss der schizophrene Kampf einer multiplen Persönlichkeit Mann gegen Mann, Faust gegen Faust geführt werden.

DIE WILDEN ZEHN

Ted V. Mikels, der, wie ich lesen musste, nicht mehr mit seinem Harem auf einem Schloss in Kalifornien lebt, inszeniert hier einen seiner komplexesten, vielschichtigsten und konzeptioniertesten Filme. Sexuelle Fantasien einer schlagkräftigen Frauentruppe, die unter Tage arbeitet, aber aufgrund einer fehlgeschlagenen Sprengung die Schnauze voll hat vom ehrlichen Leben, werden hier nutzbar gemacht, ohne voyeuristisch-verklemmten Blick und mit viel formalem Gespür. Das Arbeiten mit der Freeze-Frame-Technik erinnert an frühe Arbeiten Richard Fleischers aus den 1940er Jahren, imitiert die Ikonizität des Comic und bündelt Plot-Points mit Einblendungen in bunter Schrift, deren Schrifttyp, sowie das Stilmittel selbst, reichhaltig von Tarantino und dessen Epigonen übernommen wurden. Ein Aufbruch dieser Struktur erfolgt im Anstaltsszenario und hier verliert sich Mikels dann etwas im homosexuellen S/M-Bereich. Seine Breitseite gegen Kirchenwahn, der an sexuellen Sadismus gekoppelt ist, sowie die Dominanz weiblich-herrischer Machtstrukturen, erscheint ehrlich gemeint, sowie auch die Rache der Insassinnen. Wie allerdings das Ende zu deuten ist, wenn die verbliebenen der "wilden Zehn" in die ultimative Patriarchartsstruktur eines Ölscheichharems geraten zu deuten ist, muss ich mir noch überlegen.