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Donnerstag, 19. September 2013

Magical History Tour 1890er

Sowohl auf dem Cargo-Blog, als auch bei filmforen.de, gibt es zurzeit ein interessantes Projekt, die "Magical History Tour". Hier wird jeweils ein Film aus einem bestimmten Zeitabschnitt gesehen und kurz besprochen. Ich habe bei den filmforen in meinem alten FTB bereits mit Filmen aus den 1890ern begonnen und werde hier damit fortfahren. Meinen dortigen Eintrag werde ich der Vollständigkeit halber hierher übertragen, bevor es mit neuen Einträgen weitergeht. Aus den beiden ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts werde ich jeweils einen Film wählen, bevor ich dann ab 1920 jedes Jahr mit einem Film besetze. Ich hoffe, dass ein paar lesenswerte Beiträge dabei herumkommen:

Zwei Filme unter der Ägide Thomas Edisons entstanden, die sowohl eine zentrale Gemeinsamkeit aufweisen, als auch kontrastierend sind, sowie ein die nächste Stufe erklimmender Film.

BLACKSMITH SCENE (William K.L. Dickson / 1893)

Bereits der erste Film des Edison-Studios Black Maria, der öffentlich vorgeführt wurde, zeigt verschiedene Facetten der Filmkunst und Filmindustrie auf. Von Interesse ist nicht nur, dass er für eine kommerzielle und öffentliche Vorführung produziert wurde, sondern welche Begleiterscheinungen damit einhergingen, die eher unerkannt bleiben sollten. Zum einen sind dies einfache technische Begebenheiten der Zeit, wie das schwarze Tuch, das in vielen Filmen des Studios vorkam, um die mangelnde Raumtiefe zu kaschieren und so zu verhindern, dass die Ereignisse als weniger dreidimensional wahrgenommen wurden. Zum anderen lässt sich schon hier in erhöhter Komplexität der Täuschungswille hin zum vermeintlich Dokumentarischen finden, wenn sich Schauspieler als Schmiede ausgeben, die vermeintlich ihrer Arbeit nachgehen.

Abseits dieser bekannten und häufig angeführten Punkte, liegt eine tiefere historische Faszination in diesem Film in seinem Bemühen, die Normalität eines Arbeitsalltages einzufangen. Ein, zumindest zu dieser Zeit, völlig alltäglicher Arbeitsvorgang, wird in einer synchronisierten Rhythmik abgebildet und trägt bereits die Stilisierung der Bewegung eines späteren narrativen amerikanischen Kinos in sich. Selbst das Trinken und Weiterreichen des Bieres ist in dieser Stilisierung fast wie gefangen. Wichtig schien es für einen solchen Film, dem Publikum etwas zu zeigen, womit es etwas verbinden kann. Hier auf Basis eines Alltagserlebnisses.




THE EXECUTION OF MARY, QUEEN OF SCOTS (Alfred Clark / 1895)

In diesem von Edison direkt produzierten Film handelt es sich entgegengesetzt zu BLACKSMITH SCENE um ein historisches Ereignis, welches dem Zuschauer nahe gebracht werden soll. Jedoch verbindet beide Filme, trotz der Gegenüberstellung aus Alltag und Geschichte, ein Öffentlichkeitsinteresse. Die Hinrichtung der Mary Stuart wurde mit einem gewissen Aufwand an Statisten und einem Stop-Trick realisiert. Bestechend ist sowohl die Wirkung der Enthauptung als auch der Versuch historische Genauigkeit durch anschließendes Umherzeigen des Kopfes zu erreichen. Auch hier haben wir die Stilisierung der Bewegung, wie sie typisch für das amerikanische Kino werden sollte, sowie eine weitere Annäherung an den Versuch der Abbildung von Geschichte. Hier nicht in der dokumentarischen Form der Nachbildung einer Alltagshandlung, sondern einer Nachstellung eines bekannten historischen Ereignisses. Ähnlich wie die Annäherung an das Wahrhaftige, wie in BLACKSMITH SCENE, sollte MARY STUART einer, wenn nicht der erste Versuch sein, uns eine vergangene Epoche täuschend echt vor den Augen entstehen zu lassen.




THE KISS IN THE TUNNEL (George Albert Smith / 1899)

Zu diesem Film muss wohl nicht viel gesagt werden, da er zu den wichtigsten Filmen der zweiten Hälfte der 1890er zu zählen ist. Neben der Etablierung des unsichtbaren Schnitts, der Erfahrbarmachung von Zusammenhängen, trotz einer uneinheitlichen Bildfolge ähnlich einem Comic-Strip und einer für den Film maßstabsgebenden Narration ist auch noch erwähnenswert, dass man es hier bereits mit einer der ersten Hommagen der Filmgeschichte zu tun hat (an DER KUSS 1896), sowie einem cleveren Prinzip aus Wiederverwertung und Innovation. Die Zugfahrt des Filmes bedient sich nämlich nicht nur der Technik des Phantom Rides, sondern ist aus einem früheren Phantom-Ride-Film des Filmemachers Cecil Hepworth aus dem Jahr 1897 entlehnt. Smith hat somit aus Stock-Footage und neu gedrehtem Material einen neuen Film mit neuer erzählerischer Ausrichtung geschaffen. Die filmhistorisch interessante Weiterentwicklung zu den beiden vorangegangenen Filmen besteht vor allem darin, dass der Phantom-Ride-Film seinerseits einen dokumentarischen Anspruch verfolgt und einer seiner Vertreter nun in Kombination mit einer Spielhandlung, dem Kuss im Abteil, die nächste Stufe zum narrativen Kino darstellt bzw. bewies, dass das Publikum problemlos in der Lage ist, Bildfolgen zu Sinneinheiten zu verbinden. Gleichzeitig zeigt er aber auch indirekt, wie leicht man das Publikum durch den Schnitt in seinem Wunsch nach stringenter und logischer Narration täuschen kann.





EIM BUCK!



(THE LAST STAND)
USA 2011-2013
Regie: Kim Jee-Woon

Abgesehen davon, dass ich mich zurückmelde, hat sich 2013 auch jemand anderes zurückgemeldet. Davon hat, bezogen auf die Welt bzw. dem Box Office, kaum jemand Notiz genommen. Um eine Bestandsaufnahme, warum dies so gewesen ist, geht es mir nicht. Mehr geht es mir darum, dass es mutig war von Schwarzenegger, sich für dieses Projekt zu entscheiden, statt für die 10 Trillionen-Dollar-Produktion, die man ihm angeboten hat. Offensichtlich wollte Arnie mal in einem Western mitspielen. Stimmt so nicht ganz, denn 1979 spielte er ja bereits eine Hauptrolle in dem Western KAKTUS-JACK. Doch dies war mehr eine Parodie auf die Skills klassischer Westernfilme im Gewand eines Road-Runner-Cartoons. In THE LAST STAND sollte es ein neoklassizistischer Spätwestern werden. Spätwestern, weil eben jeder Western, der nach John Fords DER MANN, DER LIBERTY VALANCE ERSCHOSS entstand, ein Spätwestern ist und neoklassizistisch, weil die Skills des Westerns zwar in ein zynisches Gegenwartsgewand gepackt werden, doch ihr Funktionieren ganz konventionell gesichert wird. Kim Jee-Woon hat offensichtlich kein Interesse am Prätentiösen oder an der weiteren Mythologisierung seines Hauptdarstellers. Dieser ist eben alt geworden. Er muss sich eine Brille aufsetzen, wenn er etwas genauer erkennen will, er keucht, wenn er über seine Veranda schreitet, er ist langsam, wenn er mit der Pumpgun ihm waffen- und alterstechnisch überlegene Gegner aus dem Weg räumt, er watschelt schwerfällig im Entengang in der eng sitzenden Uniform. All das inszeniert Kim sehr unaufgeregt und trocken. Die bei Arnie zu erwartenden One-Liner und selbstironischen Seitenhiebe fallen zahm, fast desinteressiert aus. Ja, auch der Dümmste erkennt, dass der Film nicht nur um Arnie herum gebaut wird, sondern er auch in einem mitspielt/mitspielen soll. Nein,… ich werde hier jetzt nichts Analytisches über den Film schreiben. Ich werde ihn weder interpretieren, noch in einen (filmhistorischen) Gesamtzusammenhang zum Genre stellen. Zu diesem Film muss nichts gesagt werden, weil es in seiner Offensichtlichkeit, wie bei allen Hollywood-Filmen größerer Vermarktung der letzten 20 - 30 Jahre, so hervorsticht, dass man sich beim Friseur schon das Gehirn schneiden lassen muss, um es nicht zu bemerken. Es ist eine seltsame Gegenüberstellung aus einem schlecht gealterten Star des physischen Männerkinos und schlecht gestalteter Computerwelten, die der Film in Form seiner am Computer entstandenen Autostunts, seiner am Computer entstandenen Explosionen, seiner am Computer entstandenen Splattereffekte, oder seiner am Computer entstandenen Architektur präsentiert. Ein wenig erinnert mich der Film gerade an McQ SCHLÄGT ZU. Gut, Kim ist kein Sturges, doch Arnie ein John Wayne unserer Zeit und so stolpert Arnie genauso hilflos durch die schlecht am Computer generierte Westernkulisse wie einst der Duke durch einen Großstadtkrimi. Und so wie der Duke einigermaßen bei der Sache wirken musste, wenn er mit der Maschinenpistole urbane Kriminelle zur Hölle schickte, so muss Arnie hier entsprechend altersweise den zurückgezogenen Cowboy-Sheriff geben, der den mexikanischen Drogenbaron in seinem High-Tech-Mobil in der klassischen Westernkonfrontation zur Strecke bringt. Ein deutlicher Beweis, wie Legenden sich selbst überleben.

Mittwoch, 9. Januar 2013

Dragon Eyes

Auf der Seite critic.de gibt es ein Special zu der neuen Hoffnung des reflexiven Actionkinos. John Hyams, der Sohn eines der großen noch lebenden Hollywoodroutiniers unserer Zeit, Peter Hyams, wird hier genauer beleuchtet durch Texte von Oliver Nöding, Sebastian Selig und Jochen Werner. Jochen Werner und Oliver Nöding haben darüberhinaus ein fantastisches Interview mit Hyams geführt. Mein Beitrag an dieser Retrospektive ist ein Text zu Hyams Film DRAGON EYES. Viel Spaß!

Donnerstag, 22. November 2012

Emmanuelle

(EMMANUELLE)
FRANKREICH 1973
Regie: Just Jaeckin


Schon zu Beginn versucht Just Jaeckin den Blick, den Eindruck, zu lenken, doch findet hier noch eine Entgegensetzung zwischen Gezeigtem und wie es gezeigt wird statt. Der Weichzeichnerfilter wird den Zuschauer in keiner Einstellung verlassen, aber zu Beginn sehen wir eine Frau im Morgenmantel, ganz gewöhnlich, mit kurzem Haar und sich rote Socken überziehend, mit denen sie in die Küche schlurft. Die romantisierende Wirkung des Weichzeichners wird erst im weiteren Verlauf des Films eine Einheit mit dem Gezeigten eingehen, doch erst mal sehen wir etwas sehr Alltägliches. Die Frau bereitet sich ein Frühstück zu, für Frankreich fast spartanisch, geht zurück ins Wohnzimmer und betrachtet ein paar S/W-Fotografien, die sie nackt in erotischen Posen ablichten. Es steckt nicht nur Narzissmus in dieser Einstellung, sondern auch der Wunsch über sich hinauszuwachsen. Der Wunsch mehr zu erfahren. EMMANUELLE ist schon allein deshalb eine Sensation, damals wie heute, da er sich als vielleicht erstes Werk des Kinos begreift, das die sexuelle Sinnsuche einer Frau thematisiert, ohne rein metaphorisch oder moralisch, höchstens verklärend zu wirken. Und auch diese Verklärung kann nur als Rettungsakt der Form gewertet werden. EMMANUELLE ist nicht der Film über eine Frau, welche Selbstbestimmung sucht, aber auch nicht der Film über eine Frau, die blind Männerfantasien erfüllt. Beides steckt selbstverständlich in ihr und dem Film, aber nichts davon wird ausgereift entwickelt. Darf es auch nicht, denn es geht nicht um eine didaktische Anleitung in Sachen sexueller Selbstbestimmung (die Aufklärungsfilme der zweiten Hälfte der 1960er gaben da schon genug Anlass zu lachen), sondern um ein in all seiner Fehlerhaftigkeit gezeichnetes Rauscherlebnis sexueller Trieberfüllung.

Emmanuelle ist die gerade erst 21 gewordene Frau eines Diplomaten und fährt ihm nach zu seiner neuen Wirkungsstätte in Bangkok. Die anderen Frauen der höheren Gesellschaft vertreiben sich dort die Langeweile mit sexuellen Eskapaden homo- und heterosexueller Natur. Es wird schnell deutlich gemacht, dass die Welt von Männern regiert wird und Frauen aufs Abstellgleis geschoben werden, wo sie zusehen müssen, sich die Zeit bis zu ihrem Ableben einigermaßen lustvoll zu vertreiben. In vielen Belangen wird der Umbruch der Zeiten deutlich. Es ist nicht mehr nur so, dass es für die Frauen selbstverständlich ist, dass ihre Männer sich die Zeit mit, zumeist jüngeren, anderen Frauen vertreiben, den Frauen ist es inzwischen gestattet selbiges zu tun: mit (jüngeren) Frauen, (jüngeren) Männern, mehreren auf einmal, egal. Doch Emmanuelle will mehr. Sie hat es schon genossen sich im Flugzeug während eines kurzen Fluges zuerst von einem Mann und später von einem anderen "nehmen" zu lassen. Sie will die totale Ekstase, die totale Erfüllung, um über die Erotik zur Frau zu werden. Hierfür wählt sie sich verschiedene Meister, in deren Obhut sie sich begibt. Die minderjährige Marie-Ange, die in allem so viel weiter ist als Emmanuelle, die herbe Bee, die als Archäologin arbeitet, ganze Männerhorden für ihre Arbeit befehligt, verheiratet ist und für die es selbstverständlich ist weibliche Gespielinnen zu haben und Mario, einen alten Connaisseur, der sämtliche sexuellen Begierden und ihre Möglichkeit zur Erfüllung kennt. In den ersten beiden findet Emmanuelle einen neuen Typ Frau. Ein minderjähriges, frühreifes Mädchen, welches zu Paul Newmans Konterfei vor Emmanuelle masturbiert und genau weiß, dass Emmanuelle zu Mario muss, damit sie sich selbst befreien kann. Bee, die völlig autarke Frau, zu einer Zeit, als die Feminismusbewegung gerade erst erreicht hat, dass eine Frau arbeiten darf, ohne dass ihr Ehemann Einspruch erheben kann. Die eine ist ihre Lehrerin, die andere ihre Geliebte. Doch Liebe kann sie so nicht finden. Um die geht es auch nicht. Es geht um die klare Trennung von Liebe und der Erfüllung aller sexuellen Wünsche.

Die Ambivalenz des Filmes wird zugespitzt, weil Emmanuelle diese Erfüllung durch den alten Lustgreis Mario findet. Dieser ist an Emmanuelle jedoch gar nicht interessiert. Er raucht Opium mit ihr und stiftet dann zwei Thailänder zu einer Vergewaltigung Emmanuelles an, welche diese zuerst versucht abzuwehren und sich ihr dann hingibt. An anderer Stelle gibt er einem betrunkenen Matrosen Geld, um Emmanuelle zu fingern. Dann lässt er zwei Thai-Boxer sich blutig schlagen und der Gewinner darf Emmanuelle vor versammelter Mannschaft von hinten nehmen. Just Jaeckin lässt durch die philosophierenden Dialoge Marios die Frage entstehen, ob es Bee überhaupt gegeben hat, ob Emmanuelle nicht schon immer in einer Traumwelt der Lust gelebt hat und so verschmelzen auch in den letzten Einstellungen Traum, (Wunsch-)Vorstellung und Realität. Emmanuelle und Mario haben Sex mit einer dritten, anonymen Person, einem Mann. Mario agiert seine Impotenz und homosexuelle Neigung über diesen aus, Emmanuelle erkennt das Prinzip des ewig weiblich Fordernden, welches der Mann erbringen muss, um sexuell bestehen zu können. Durch die letzte Einstellung will Jackin uns deutlich machen, dass Emmanuelle zur Frau geworden ist, einer selbstbestimmten.

Tja, seit mehr als 20 Jahren habe ich den nicht mehr gesehen und war doch überrascht, wie überrascht ich war. Die auf kunstvoll geschminkte Hülle kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Thematik des Filmes kein Stück von ihrer Aktualität verloren hat. Einer Aktualität, die wohl nie verloren gehen kann, da Frauen kulturgeschichtlich noch nie eine Freiheit in ihrer Sexualität erleben durften. Dabei spielt es letztendlich keine Rolle, ob es an Männern lag, die ebendiese aus Angst unterdrückt haben, oder Frauen, die diese unterdrücken, weil sie selber Angst davor haben. Ob der Weg in EMMANUELLE ein gangbarer ist? Unwichtig, er geht einen Weg und das ist wichtig.

Mittwoch, 14. November 2012

Ninja - Champion on Fire


(NINJA OPERATION VI - CHAMPION ON FIRE aka NINJA AVENGERS)
Hongkong 1986
Regie: Godfrey Ho
 

 
Das Zusammenschneiden unterschiedlicher Filme, die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben, um daraus dann einen neuen Film zu machen, bringt es mit sich, dass man beim Zusammenschneiden auch Überschneidungspunkte schaffen muss. In den meisten Cut-and-Paste-Filmen löst Godfrey Ho dies über die mediale Ebene des Telefons. Raum und Zeit unterschiedlicher Filme, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind und die auch völlig unterschiedliche Schauspieler aufweisen, die sich logischerweise weder im Film und zumeist auch nicht in der Realität je begegnet sind, werden auf diese Weise verbunden. Dafür ist aber wenigstens das Prinzip eines gemeinsamen epochalen Zeitraumes notwendig. Sollten die Filme zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten spielen, der eine im ausgehenden 20. Jahrhundert, der andere Mitte des 19. Jahrhunderts, dann wird es schwierig. Godfrey Ho verbindet seine beiden Filme auf die denkbar einfachste Weise. Er suggeriert dem Zuschauer einfach, dass die Hauptfigur aus dem von ihm selbst gedrehten Film (wieder einmal Richard Harrison) und die Hauptfigur aus dem wieder verwendeten Film (in diesem Fall Patrick Kelly) sich auf einem Waldweg treffen. Das Ganze wird dann als Schuss/Gegenschuss vermeintlich inszeniert, tatsächlich eher montiert. Bei dem Grundfilm handelt es sich um einen taiwanesischen Genrebastard (FURY IN STORM, 1974, R: Hsu Chin Liang; leider kein IMDb-Eintrag vorhanden). Eine Kreuzung aus Eastern und Western, genauer einem Martial-Arts-Film, der im China des 19. Jahrhunderts spielt und in dem es ein weiteres Mal um die Bedrohung durch die Japaner geht und einem Italo-Western. Dieses Genre vertritt ein katholischer Priester, eher Mönch, der immer mit einem gigantischen Kreuz im Passionsgang umherwandert und sich der japanischen Verbrecherbande angeschlossen hat. Als er von dieser hintergangen wird, schmeißt er sich mit einem aufrechten Kung-Fu-Kämpfer (Chang Yi) zusammen und beide räumen auf.
 
Der andere Teil, also der Teil des Films, den Godfrey Ho mit Richard Harrison, Stuart Smith und den üblichen Verdächtigen gedreht hat, wird hier so vernachlässigt wie selten. Das ist schon daran erkennbar, dass die Ninja-Szenen so austauschbar in ihrer Kampfchoreographie und den wenigen Dialogen erscheinen, dass sie auch problemlos für einen anderen Film gedacht hätten sein können (und wahrscheinlich auch sind, da ich aber erst 32 Ninja-Cut-and-Paste-Filme aus der Schmiede der IFD und Filmark gesehen habe, vermag ich nicht zu sagen, ob und wann dieses Material schon an anderer Stelle verwendet wurde). Ein gewisser Ringo (Stuart Smith) wurde hier aus dem Knast entlassen und schwört dem Mönch Antonio aus dem Grundfilm blutige Rache. Der soll ihn nämlich durch Verrat dort hingebracht haben. Gordon (Richard Harrison) wird mal eben zu Antonios Bruder gemacht und muss verhindern, dass diesem etwas geschieht. Die beiden Filmteile in NINJA - CHAMPION ON FIRE wirken wesentlich unverbundener als sonst. Ho hatte entweder erkannt, dass aus dem Material mit Harrison nicht mehr herauszuholen war, oder es war von Anfang an geplant hier möglichst wenig Selbstgedrehtes zu verwenden und lieber den Originalfilm durchlaufen zu lassen.
 
So folgt man eher der Geschichte aus dem Grundfilm und erhält schöne Einblicke, wie im taiwanesischen Mainstream-Kino der 1970er westliche Trends aufgegriffen wurden und wie man so über uns gedacht hat. Im Grunde handelt es sich um eine Art Umkehrung der Nationalitäten bei Beibehaltung der üblichen Figurenkonstellationen. Es ist nicht, wie in früheren als politisch heute nicht mehr korrekt eingestuften Darstellungen (seltsamerweise heutzutage aber häufiger anzutreffen als je zuvor, aber jetzt glaubt man ja alles mitzureflektieren), der schlitzäugige Chinese/Japaner/Koreaner-Egal-sehen-ja-eh-alle-gleich-aus-Typ, der als comic relief taugt, sondern eben der depperte Gweilo, der mit den Insignien seines christlichen Glaubens, die hier immer wieder der Lächerlichkeit preisgegeben werden, durch den Film stolpert, tölpelhaft in die Kamera blickt, für Asiaten ekelhaft anzuschauende Körperbehaarung hat, Frauen wie ein Tier anfällt und auch sonst von seinem gutmütig-mitleidig lächelnden chinesischen Freund öfters mal zur Ruhe gerufen werden muss. Auch ist der Gweilo eher ein zu domestizierender Wilder und in seinem großen Holzkreuz befindet sich genau das Utensil, dass uns aus diversen Italowestern bekannt ist. Das Kreuz der Missionierung bringt den Tod, deutlicher geht's kaum. Im Konkreten geht es wieder einmal um ein chinesisches Nationalheiligtum, das von den bösen Japanern entwendet wurde. Der tapfere Kung-Fu-Kämpfer ist an dessen Rückeroberung interessiert, um die Ehre des chinesischen Volkes wieder herzustellen, der Gweilo sinnt auf Rache für den Verrat seiner früheren Gang und will die Kohle abgreifen, die natürlich auch irgendwie im Spiel ist. Dazwischen wird viel gerülpst, vergewaltigt und geschmatzt beim Essen. Seltener war der Ninja-Plot so fern wie hier.
 
FURY IN STORM ist bei Weitem nicht so ausgereift wie seine international bekannteren Vorbilder IN MEINER WUT WIEG' ICH VIER ZENTNER oder DER MANN MIT DER KUGELPEITSCHE. Das mag zum einen daran liegen, dass FURY IN STORM nicht im Westen, sondern im Osten spielt und der Westernrecke sich eher als Hans Wurst durch die Easternkulisse schlägt, zum anderen wohl daran, dass taiwanesische Filme den South Asian Film Circle seltener verlassen haben, als ihre großen Brüder aus Hongkong.
 
Diese Cut-and-Paste-Produktion gehört, was das Cut-and-Paste angeht, sicherlich zu den schwächeren Filmen, bietet aber in der deutschen Synchro gut aufgelegte Sprecher und transportiert so ein wenig den Schwung des verstümmelten Originalfilms. Sowohl eine Wirtshausschlägerei, als auch das Finale wussten zu begeistern. Dissoziierende Momente gab es eher selten, was natürlich schade ist, wenn man die übliche Ausgeflipptheit der Ho-Ninja-Flicks sucht.
 

 
P.S. Im Internet trifft man immer wieder auf die Behauptung, die Namen Joseph Lai, Betty Chang und Tomas Tang seien Fakes und tatsächlich stünde Godfrey Ho hinter allem. Hier verlinke ich mal zu einem Interview mit IFD-Chef Joseph Lai von Mike Leeder geführt und hier zu einem Interview mit Richard Harrison, wo die Existenz von Joseph Lai ebenfalls bestätigt wird.
 
P.P.S. An dieser Stelle wird behauptet, ich hätte etwas gegen Italowestern. Dem muss ich scharf widersprechen. In Italowestern könnte ich mich reinlegen. Die haben mich auf die Droge Film gebracht. :)