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Donnerstag, 6. März 2014
Magical History Tour 1906
Für den kleinen Hunger zwischendurch. Walter R. Booth ist ein
Beweis dafür, dass faszinierendes Trick-Kino nicht nur von Georges Méliès oder
Segundo de Chomón präsentiert werden konnte und zeigt uns die Amokfahrt eines "Motorisierten",
der auch vor der Fahrt durchs Weltall nicht zurückschreckt, um der Polizei zu
entkommen. Eine der letzten Arbeiten, die Booth für den Produzenten Robert Paul gemacht hat,
bevor er sich höheren Aufgaben zuwendete.
Dienstag, 4. März 2014
Magical History Tour 1905
LA PRESA DI ROMA ist vor allem ein Film, der durch Ausstattung
punkten möchte. 1896 wurde die erste Filmkamera vom Papst gesegnet und dies war
der Startschuss des italienischen Films. Filoteo Alberini gehört zu den
Filmpionieren, die sogar noch an einer eigenen Technik der Filmwiedergabe
gearbeitet haben und im Jahre 1905 den, so heißt es, ersten "dramatischen Film"
des italienischen Kinos unter der Ägide seiner eigenen Produktionsfirma realisiert
hat. Der Film beschäftigt sich mit der Epoche "Risorgimento", zu deren Abschluss
der Kirchenstaat und die Stadt Rom durch italienische Truppen dem Land einverleibt
wurden und aus dieser "Wiederauferstehung" Italien als neue Nation hervorging.
Alberini kann jede Menge historischer Originalkulissen aufbieten, Italien eben,
und scheut auch vor Bildeinstellungen nicht zurück, welche das Schlachtengetümmel
erfahrbar machen sollen. Am Ende stehen bürgerliche, geistliche, militärische
und politische Vertreter geeint unter der Trikolore, gehalten vom
weiblich-bündelnden Element. Zum einen versucht Alberini ein historisches
Ereignis zu erfassen, zum anderen möchte er lehren und einen. Weiterhin schenkt
er durch seine opulenten Bilder einen Ausblick auf das spektakuläre
italienische Monumentalkino eines Giovanni Pastrone der 1910er Jahre.
Mittwoch, 11. Dezember 2013
Magical History Tour 1904
In LA SIRÈNE zeigt George Méliès bereits künstlerische
Richtungen wie den Dadaismus, den Surrealismus oder sogar das Kafkaeske auf. Im
Sinne des europäischen, genauer des französischen Kinos, welches auf
Illusions- und Affekterleben ausgerichtet war, wird der Rezipient mit ständigen
Realitätsveränderung konfrontiert. Ein Becken mit Wasser
wird rückwirkend zum Aquarium umfunktioniert durch die Entwendung von Wasser
aus selbigem, um durch die Zweckentfremdung eines Zauberstabes – er wird zur
Angel – Fische aus einem Zylinder zu fischen, der mit Wasser aus dem Becken
gefüllt wurde. Das Aquarium wird nun zu solch einem, doch plötzlich wird der
Illusionist (übrigens Méliès selbst) ein alter Gaukler/Angler, der auf wundersame
Weise immer mehr Fische in das Aquarium zaubert, Hasen aus dem Hut, dem
Aquarium ein "Framing" verpasst, welches es plötzlich zu einem Natur-Bestandteil
werden lässt und sich dann in einer Hängematte ausruhen möchte. Plötzlich ist
er wieder der Illusionist vom Anfang und verwandelt schließlich die gesamte
Kulisse in eine Unterwasserwelt. Mittels eines Pseudo-Zooms werden wir in eine
Bild-im-Bild-Illusion gesaugt und hier erwacht in der Doppelung des
Bildausschnitts eine Meerjungfrau zum Leben. Diese wird in die „erste Realität“
gezogen wird vollständig menschlich und präsentiert sich auf der Chaiselongue.
Der Illusionist wird seinerseits zum Meeresgott Neptun und so erfüllt sich die
Umwandlung von einem Aquarium in unserer Welt zur Unterwasserwelt. Die
Assoziationskraft, mit der Méliès hier arbeitet, erscheint als reines Produkt
einer unkonzeptionierten Zaubershow, die einen völlig freien Run zur Interpretation
bietet. Diesen eher unbedeutenden Film im Schaffen des Regisseurs habe ich
gewählt, da selbst er, vielleicht gerade wegen seiner eher uninspirierten Art,
die Explosionskraft eines freien künstlerischen Geistes repräsentiert, wie er
für den europäischen Film prototypischer werden sollte, im Vergleich zum
amerikanischen. Ein Spielen mit dem Medium als Durchdringung unserer
Wahrnehmung. Als Bestandteil unserer Welt, der die seinige zur Realität werden
lässt, bis alles nur noch Fantasie bzw. die Fantasie Realität geworden ist.
Mittwoch, 27. November 2013
Siegfried-Kracauer-Preis 2013
In diesem Jahr wurde zum ersten Mal der
Siegfried-Kracauer-Preis durch die Filmförderung Baden-Württemberg und dem
Verband der deutschen Filmkritik in Berlin verliehen. Von meiner Seite ist dies
erwähnenswert, da ich mit meinem Text zu dem Film DRAGON EYES völlig
überraschend zu den Nominierten zählte. Nochmal vielen Dank an die Jungs und
Mädels der Seite critic.de und dem VdFk. Allein nominiert gewesen zu sein, ist
bereits eine große Ehre. Alle Informationen zur Verleihung und den Gewinnern
gibt's hier.
Dienstag, 26. November 2013
Magical History Tour 1903
Im Jahr 1903 erfolgte der Durchbruch des narrativen Kinos
durch den amerikanischen Filmpionier Edwin S. Porter mit seinem Film DER GROSSE
EISENBAHNRAUB. Doch neben diesem bahnbrechenden Werk hat Porter natürlich auch
noch anderes gedreht – allein im Jahr dieses Filmes inszenierte er noch 21
weitere – und konnte so auf verschiedene Arten mit der neuen Technik
experimentieren. UNCLE TOM’S CABIN ist eine Verfilmung des berühmten Romans von
Harriet Beecher Stowe und folgt rein strukturell der üblichen Tableau- und
Illustrationsvorgehensweise der Zeit wie sie auch in dem hier zuletzt
besprochenen ALI BABA UND DIE 40 RÄUBER von Ferdinand Zecca genutzt wurde. Der gravierende
Unterschied zwischen dem französischen, allgemeiner dem europäischen, und dem
amerikanischen Kino besteht aus dem stetigen Rückgriff der Amerikaner auf das
Alltägliche. Die Einbettung menschlicher Schicksale ins Alltägliche,
Gegenwärtige oder mit der eigenen Geschichte verknüpfte ist eine direkte Folge
der Denkrichtung des amerikanischen Pragmatismus' wie er von Charles Sanders
Peirce und anderen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts propagiert wurde.
Die selbstverständlich sehr an monetären Erfolgen interessierten
Manufakturanstalten, die in den 1890er Jahren Film an der amerikanischen
Ostküste produzierten, folgten teils wissentlich, teils unwissentlich dem Credo
des amerikanischen Pragmatismus, in dem sie Stilisierung und Entwicklung kleinster
Handbewegungen dem Theater entlehnten, aber doch größtenteils neu entwickeln
mussten, damit sich bei Betrachtung, insbesondere von Spielhandlungen, ein
Empfinden von Realismus ergab. Die Kontrastierung der sehr dem Theater und
großen Gesten verbundenen Spielweise in Zeccas ALI BABA UND DIE 40 RÄUBER und
die bereits bis in kleinste Elemente interaktionistische Spielweise des
Porter-Films UNCLE TOM’S CABIN zeigt im amerikanischen Fall den Hang zu einer
Art Grounding des Zuschauers und eines „In die Szene“-Holens auf
identifikatorischer Basis (siehe den Messer-Slapstick bei 01:40). Ein weiterer
wichtiger Aspekt, der eine direkte Folge des amerikanischen Pragmatismus war,
zeigte sich im Lehrprinzip. Nach dem Sezessionskrieg wurde das Lehren und
Lernen als essentiell für die Entwicklung eines jeden amerikanischen
Individuums angesehen, als wichtig für den Erhalt der Demokratie. Ganz nach der Abwandlung des Prinzips des Horaz "prodesse et delectare", bestand die
amerikanische Erzählung also nicht nur aus einer Bebilderung der Historie,
sondern auch aus einem erzieherischen und moralischen Duktus. Dies wurde durch
die bereits genannten Alltagsdarstellungen in Bewegung und Identifikation
erreicht (Spielberg ist bis heute ein Regisseur der dieser Maxime folgt) und
die ständige Berufung auf die eigene Geschichte. Die Effektgestaltung, wie z.B.
durch Doppelbelichtung, wie sie das Kino George Méliès oder de Chomón verdankt,
wird völlig in den Dienst einer christlichen Botschaft gestellt (siehe 11:25 bei
der seelischen Auferstehung Evas, oder der Errettung Toms durch einen Engel
18:11). Das Ende des Films weist dann schließlich auf den historischen
Zusammenhang der USA – Nord und Süd im Krieg, Abraham Lincoln, der schließlich
den Sklaven die Freiheit bringt, Einigung des Landes – und filmhistorisch auf
David Wark Griffiths, der Regieassistent bei Porter war, megalomanisches Meisterwerk DIE GEBURT EINER NATION (1915) hin.
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