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Dienstag, 1. März 2011

Minnelli-Reihe

Bei Vincente Minnelli mussten wir wieder zurückspringen, da wir inzwischen bei EIN AMERIKANER IN PARIS angekommen waren und ich seine Literaturverfilmung des französischen Realisten damals noch nicht hatte. Und da wird der Flaubert von James Mason gegeben, unglaublich! Also:

Der neben Busby Berkeley vielleicht wichtigste Film-Musical-Regisseur (Stanley Donen ist mir zu heftig ihn als solchen benennen zu können, da ich bei seinen Musicals regelmäßig den geistig überflutenden Overkill erlebe), Vincente Minnelli, hat uns zu einer der weiteren Reihen geführt, die meine Frau und ich erleben dürfen. Erst bei dem Technicolortraum HEIMWEH NACH ST. LOUIS gestartet, haben wir uns ab da vollständig bis DER PIRAT durchgearbeitet und mussten dann einen Sprung zu VATER DER BRAUT machen. Die intensivste Auseinandersetzung hatten wir mit Minnellis DER UNBEKANNTE GELIEBTE (genial gegen jedes Image besetzt), zu dem meine Frau keinen Zugang bekam und wir mehrere Stunden über seine metaphysische "Film Noir"-Bedeutung sprachen. Minnelli wollte zeigen, dass er auch die psychologischen Zwischentöne beherrscht. Für einen Regisseur der 1940er unerlässlich, um sich als seriös zu empfehlen. Und so kam es nach URLAUB FÜR DIE LIEBE und dem erwähnten DER UNBEKANNTE GELIEBTE schließlich zur dritten Bewährungsprobe. Die Verfilmung eines der größten Skandalromane in der Geschichte Frankreichs des 19. Jahrhunderts. Hat er seine Sache gut gemacht? Mehr als das.

Die Handlung dürfte wohl bekannt sein. Emma ist der Inbegriff der gefangenen Frau des 19. Jahrhunderts. Sie lebt auf einem Bauernhof ihres Vaters und lernt dort den Landarzt Charles Bovary kennen. Geprägt durch ein Nonnenkloster und in selbiges geschmuggelte Romane (die Pest der Zeit ;) ) ist sie gebeutelt zwischen sexueller Unerfülltheit und naiver Auslebungslust. Als sie Charles sieht, wie er ihren Vater heilt und viril in einer ansonsten von Frauen dominierten Welt erscheint, meint sie, in ihm die Erfüllung ihrer Jungmädchenträume zu erkennen. Eine überstürzte Hochzeit und der Umzug in ein kleines Kaff transportieren sie ins Niemandsland. Sie bändelt daraufhin nicht nur mit anderen Männern an, sondern versucht auch ihren Mann zu fördern. Träume, die sie gerne realisieren möchte, werden ihr durch einen Geldverleiher surrogativ ermöglicht, doch irgendwann steht alles kurz vor dem Zusammenbruch.

Madame Bovary gefangen zwischen den Männersystemen
Minnelli verzaubert hier zum ersten Mal außerhalb der Bühnenoptik und macht bereits seinen Faible erkennbar durch unvorteilhafte Naheinstellungen das Bitterböse über seine Figuren hereinbrechen zu lassen. Wie Jennifer Jones alias Madame Bovary ihr Gesicht verzerrt würde zu einer EMFACS-Untersuchung über Angst und Ekel einladen, und hat mich emotionale Durchlebungen von Schönheit und Abartigkeit durchleben lassen. Beeindruckend, wie Minnelli seine Hauptdarstellerin in die Hässlichkeit überführt und uns genau damit an eine Frau heran-führt, die ihre Tochter vernachlässigt, weil sie kein Junge ist. Die Unmöglichkeit weiblicher Selbstbestimmung wird dadurch spürbar, dass Emma Bovary von einem männlichen Kind träumt, welches in den Korsettstrukturen des Jahrhunderts, in dem nur noch "einige letzte Fragen geklärt werden müssen, um die Welt zu entschlüsseln", als einziges Freiheit erlangen kann. Frauen sind vom wirklichen Leben ausgeschlossen. Diese Weitsicht, die Flaubert vor 160 Jahren an seine Hauptfigur gekoppelt hat, wird von Minnelli vor allem dadurch überzeugend umgesetzt, dass er die Geschichte um Emma in eine Klammer bindet, die Flaubert vor Gericht zeigt.
Genau hier geben sich die Zeiten die Hände. Ein nachgespielter Flaubert (wie gesagt, unverschämt gut James Mason) muss sich vor Gericht rechtfertigen für sein progressives Werk. Damit macht Minnelli nicht nur dem Zuschauer des Jahres 1949, sondern einer jeden nachfolgenden Generation die Gewichtung des Werkes über Frauen und ihre Selbstbestimmung in einer von Männern dominierten Welt klar. Dass Minnellis Bühnenerfahrung dann auch noch den Traum der Bovary von Schlössern und Adligen für uns erfahrbar werden lässt, ist eine transzendentale Erfahrung des Rausches.

Weiter geht's mit STADT DER ILLUSIONEN. Es beginnt die Nicht-Musical-Phase des Traumbeschwörers (verdammter MGM-König ).

Ein Traum wird Wirklichkeit

Kommentare:

  1. Es ist mir zwar peinlich; aber was Jennifer Jones anbelangt, kenne ich jemanden, der gaanz anderer Meinung ist. ;) - Und glücklicherweise darf sich dieser Jemand mit dem Gedanken trösten, dass "Madame Bovary" kein Erfolg war.

    Auf "Stadt der Illusionen" darfst du dich aber riesig freuen: ein Glanzpunkt in Minnellis Karriere! Ich wusste gar nicht, dass es den auf DVD gibt.

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  2. Hmmm, ich finde in meinem Text keinen Abschnitt, wo ich die schauspielerischen Qualitäten von Jennifer Jones loben würde. Ich spreche davon, dass man mit ihren in den extremen changierenden Gesichtsausdrücken wissenschaftliche Untersuchungen über Ausreißermimiken machen könnte. ;) Genau diese melodramatische Intensität ihres übertrieben Spiels passt zur Handlung, zur Inszenierung zu möglichen Interpretationen. Die Jones als Schauspielerin zu beurteilen ist mir nach diesem Film noch nicht möglich, aber Deinem verlinkten Text entnehme ich, dass sie wohl immer so über trieben spielt. Das passt dann natürlich nicht zu jeder Rolle, Handlung, etc. Auch wenn der Film damals kein Erfolg war, so kann ich mich damit trösten, dass er filmhistorisch von der Kritik weitgehend rehabilitiert ist (was mir aber eigentlich auch wiederum egal ist). Schließlich hat er eine sehr stilvolle Kameraführung und setzt die Musik vom großen Miklós Rózsa effektiv (wenn auch manchmal etwas zu sehr Emotionen evozieren wollend) ein. Das kommt sehr schön bei der Fahrt auf Jones Gesicht zusammen, als Rodolfo sie sitzen lässt. Da passt es dann auch wieder sehr gut, dass Jennifer Jones Mimik mehr an den Stummfilm erinnert. Ihr Schrei ist jedoch markerschütternd.

    STADT DER ILLUSIONEN ist hierzulande leider noch nicht auf einem digitalen Träger erschienen. Den hat mir TNT FILM beschert.:)

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  3. Das ist ja mein Problem: Ich bin mein eigener Aussenseiter! Sogar Buñuel lobte den von mir verrissenen Film. Vermutlich müsste ich dringend über die Bücher gehen. ;)

    Eigentlich erstaunlich, dass ausgerechnet "Stadt der Illusionen", das "filmische" Gegenstück zu "All About Eve", hierzulande nicht auf DVD erhältlich ist. Ich sah den Film - ist lange her - mehrmals im Fernsehen und halte ihn für den besten des Regisseurs, der mir später oft etwas zu gewollt künstlerisch (= künstlich) vorkam - was sich neben den späteren Musicals vor allem in "Lust for Life" zeigte. Allerdings mache ich auch hier auf "Is' meine Meinung". Die meisten Leute würden mir energisch widersprechen.

    P.S.: Entschuldige, dass ich etwas in deinen Text hineininterpretiert habe! Der alte Literaturstudent macht sich gelegentlich auf unangenehme Weise bemerkbar...

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  4. Auf diese Künstlichkeit bin ich ja schon sehr gespannt. Vor allem Minnellis Breitwanddramaturgie in DIE VERLORENEN und VERDAMMT SIND SIE ALLE hat mich vor einigen Jahren mal sehr angesprochen und war überhaupt dafür verantwortlich, eine Reihe mit seinen Filmen zu beginnen.

    Zum P.S.: Entschuldigungen sind überflüssig. Ich kann mir eine gewisse wissenschaftliche Denkensart nicht austreiben. Bloß weil ich beschreibe wie grandios etwas ist bzw. von mir beurteilt wird, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch mag. Mit solchen Entscheidungen lasse ich mir manchmal Jahre Zeit. Vermutlich, weil mein perfektionistischer Zwang keine Information auszuschließen und jeden und alles zu seinem Recht kommen zu lassen, mich dabei behindern.

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  5. Stanley Donen ist mir zu heftig ihn als solchen benennen zu können, da ich bei seinen Musicals regelmäßig den geistig überflutenden Overkill erlebe

    SINGIN' IN THE RAIN??? O.o

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  6. Stanley Donens Filme, und insbesondere DU SOLLST MEIN GKÜCKSSTERN SEIN, sind eine geradezu unverschämte Herausforderung an einen jeden Cineasten, bieten derart viele genre- und medientheoretische Ansätze und sind so mit filmgeschichtlichen Querverweisen vollgestopft, dass ich mal bei einer Betrachtung nach 20 Minuten die Waffen gestreckt habe. Es ist schon happig in einen Film, der vom filmhistorischen Wandel der Stumm- auf die Tonfilmzeit, den sich daraus ergebenden Schwierigkeiten der ersten und zweiten Stardomgeneration und der ständigen selbstreflexiven Diskussion über den zu drehenden Film handelt, mal eben eine fünfminütige Episode einzubauen, in der Gene Kelly mal kurz seine Vision einer eventuellen Tanzeinlage in den Film dem Produzenten erläutert (die Broadway-Melodie-Episode, basierend auf Henry Beaumonts gleichnamigen Klassiker bei Umkehrung des Geschlechts der Hauptfigur und ihrer Darstellung als ehrgeizigem Provinz-Heini in Anlehnung an die Filme und Figuren Harold Lloyds bzw. dessen Aufsteigergeschichten) , welche dann spektakulär als Einschub in die eigentliche Narration visualisiert wird und die Elemente des Traumes nutzt, da Kelly, der sich selbst in seiner Vision als Hauptdarsteller sieht, schließlich in die Vision eine Subgeschichte in Traumform einbaut (die Liebesgeschichte), welche die eh schon surreale Kulisse der Vision im Traum auf einfache Farbwände reduziert, schlussendlich der Traum im Traum unterbrochen und Kellys Vision tautologisch beendet wird (der Sturz der Figur), als er auf sein zukünftiges Alter Ego trifft und nach dem Ausruf "Gotta Dance" in Überprojektion gigantisch die Leinwand füllt (das Wiedererstarken). Diese Episode ist syntagmisch und referenziell so überladen, ein wirklicher stream of consciousness. Mit ihr hat man eigentlich schon 10 Filme gesehen und das ist nur eine von vielen Episoden dieser Art. Ich weiß noch nicht, ob Donen brillant oder einfach nur ein größenwahnsinniger Irrer ist. Aber Kelly war ja auch tatkräftig am Film beteiligt und der war nun wirklich irre ;).

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  7. Ich habe die strukturelle Komplexität des Films aus Verweisen und impliziten Diskursen nie als bedrohlich oder überfordernd wahrgenommen, weil er ja doch jederzeit eine enorme Leichtigkeit behält und allein als wundersames Musical ausreichend eskapistischen Fluchtraum ermöglicht. Dass sich hinter all dem frivolen Spaß mehrere Lagen Metapotenzial verbergen, macht den Film nur umso reichhaltiger.

    Für mich eines der raren großen Meisterwerke der Filmgeschichte. Und das Argument schlechthin, warum Musicals die reinste Form des Filmemachens bilden.

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  8. Völlige Zustimmung. Würde man mich tatsächlich mal so weit kriegen eine Top-10-Liste der bedeutendsten amerikanischen Filme zu erstellen (zumindest die des Populärkinos), dann hätte SINGIN' IN THE RAIN gute Chancen dabei zu sein. Dass er mich überfordert hat damit ja erst mal nichts zu tun bzw. ist der eigentliche Grund warum er draufstehen würde.

    Zum Thema Bedrohung: Bei einer Filmbetrachtung möchte ich gerne überwältigt werden. Ich öffne alle Sensoren soweit mir das meine mentale Verfassung erlaubt. Es geht mir nicht darum einen Film zu sehen. Ich möchte ihn atmen, ihn schmecken, von ihm gefickt werden, ihn (er-)leben. Außerdem habe ich DU SOLLST MEIN GLÜCKSSTERN SEIN erst 9-mal gesehen. Der Film hält also noch einiges bereit. Wenn ich weiter mit ihm am Ball bleibe, kann ich ihn vielleicht in 15 Jahren "zu fassen kriegen". Bis dahin bleibt er - gottseidank - eine Wundertüte, die mich jedes Mal aufs Neue überrollt. Dass er leicht daherkommt, tut dem "gefickt werden" keinen Abbruch.

    Über Deinen letzten Satz muss ich nachdenken. Für mich sind Musicals allenfalls die reinste Form filmischen Erzählens, allerdings durch ihre Strukturlosigkeit, die wiederum eine Strukturierung der filmischen Erzählung des Stummfilms ist, schon wieder infantil (analytisch, nicht wertend gemeint). Ihre Potenzialität scheint zwar unerschöpflich, aber Film kann schon noch mehr. Man würde ihn ja sonst immer nur auf der Ebene einer (Jahrmarkts-)Attraktion einstufen (analytisch, nicht wertend gemeint).

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  9. Ich möchte ihn atmen, ihn schmecken, von ihm gefickt werden, ihn (er-)leben

    LOL

    Außerdem habe ich DU SOLLST MEIN GLÜCKSSTERN SEIN erst 9-mal gesehen.

    LOL²

    I like you!

    Zum letzten Absatz: Mir fehlen gerade Zeit und Nerven, das weiter auszuführen (wäre das Manifest-Forum noch online, könnte ich jetzt einfach meinen damaligen langen Post dazu hier reinkopieren, ich habe das nämlich früher schon mal ausgeführt). Mal ganz kurz gesagt: Ich finde Musicals ermöglichen durch ihren bestenfalls geradezu perfektionierten Einklang von Bildern und Musik mit Schnitt, ihrem Rhythmus quasi, eine derart unmittelbare Form "reinen" Filmemachens, weil eben ihre gesamte filmische Struktur (auch erzählerisch, zumindest bei guten Musicals) in sich stimmig sein muss, um funktionieren zu können, dass dadurch ein Herunterbrechen auf totale formale Strenge notwendig wird. Ich glaube darin liegt die größte Herausforderung dieses Genres, das, wenn man es beherrscht, für mich die absolute Königsklasse darstellt.

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