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Samstag, 21. Juni 2014

DAS LEBEN GEHT WEITER

DAS LEBEN GEHT WEITER

John Ford, Tonfilm Nr. 14: Erzählt wird über einen Zeitraum von fast 150 Jahren die Geschichte zweier Familien, welche, nachdem der Patriarch Sebastian Girard - der in England mit den Warbutons zusammengearbeitet hat und durch die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 1776 zum größten Baumwollhändler des Landes aufgestiegen ist - im Jahre 1825 verstorben ist, die Geschäfte weiterführen sollen, in dem sie Niederlassungen in den USA, England, Frankreich und Preußen gründen. Wichtig ist es Girard in seinem Testament, dass jede Niederlassung von einem Familienmitglied geführt wird - also das umgekehrte Prinzip der Auswanderung in die USA - und das die Girards und die Warbutons durch das gemeinsame Geschäft zu einer Familie werden. Ford zeigt hiermit den Versuch der Gründung eines neuen familiären Prinzips auf der Basis eines kapitalistischen Konzepts, in dem die Familie Girard durch die Zusammenarbeit mit den Warbutons ein Vierländer-Eck aufzieht, um so den Baumwollhandel zu dominieren. Im Weiteren geht es darum, dass die kapitalistische Allianz zwar einen weitverzweigten Familienstammbaum gründen wird, aber durch historische Ereignisse ständigen Prüfungen ausgesetzt ist und letztendlich scheitern wird. Im Gegenzug verlieben sich Richard Girard und Mary Warbuton bereits während der Familienfusion 1825, doch ist Mary Warbuton mit einem deutlich älteren Herren verheiratet, der die Firma/Familie Warbuton führt. Sie können nicht zusammenkommen, obwohl sie spontan eine bedingungslose Liebe spüren. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wird die Girard-Warbuton-Enterprises zur bedeutendsten Export-Firma für Baumwolle aufsteigen und sowohl in den USA, Frankreich, England und inzwischen dem Deutschen Kaiserreich haben sich die Girards und Warbutons zu Familienclans entwickelt. Im Jahre 1914 kommen die Ur-Ur-Enkel der Gründungsmitglieder der Familienfusion zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in New Orleans zusammen. Ganz im Sinne eines Clans, haben der deutsche Fritz, der älteste Spross des inzwischen Baron von Gerhardt (man ließ den Namen ändern) und seine Cousine dritten Grades, Jeanne aus Frankreich, zusammengefunden und wollen heiraten. Die Geschäfte laufen besser als je zuvor, da ein globaler Handel zwischen den vier Ländern besteht, mit dem sie den Rest der Welt beliefern und gekrönt werden soll dies durch die Hochzeit von Fritz und Jeanne. Ein Symbol der Völkerverständigung, wie Baron von Gerhardt, Ur-Ur-Enkel von John Girard, anmerkt. Bei diesem Treffen begegnen sich auch zwei andere Ur-Ur-Enkel: Richard Girard und Mary Warbuton. Die Namensträger ihrer Vorfahren, deren Liebe einst nicht sein konnte/durfte. Sie sprechen davon, dass sie sich irgendwoher kennen. Ob sie sich schon mal gesehen haben. Ein Musikstück, welches 1825 ertönte, und welches nur bei den Girards gespielt wurde, kommt Mary, die nie in den USA war, bekannt vor. Richard ist verwundert, woher sie es kennt. Doch eine Ehe zwischen Erik, dem zweiten Sohn der von Gerhardts und Mary ist bereits arrangiert, Richard ist enttäuscht und haut mit Henri, einem Spross der französischen Girard-Linie, nach Paris ab. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, verändert sich alles. Die Familien-Allianz wird auf eine harte Probe gestellt. Fritz von Gerhardt wird mit seinem U-Boot untergehen, seine französische Frau wird um ihn trauern. Henri wird eingezogen, Richard geht "zum Spaß" mit und wird mit dem Wahnsinn des Krieges konfrontiert. Die Geschäfte in den USA liegen dadurch brach, mit Deutschland werden keine Geschäfte gemacht und Mary Warbuton muss die Firma allein durch den Krieg führen. Dieses Chaos wird Richard und Mary endlich zusammenführen, die einzelnen Familienmitglieder macht es zu Wracks. Nach dem Krieg begibt man sich in den Wiederaufbau. Die Prosperität der 1920er sorgt dafür, dass Richard Girard, der inzwischen mit Mary verheiratet ist, im Jahre 1925, 100 Jahre nach der Firmengründung durch den Familienzusammenschluss, eine Superfusion plant, die 250 Millionen Dollar schwer ist (nach heutigem Dollarkurs ca. 7,5 Milliarden). Der Reichtum, in dem die Girards-Warbutons schwimmen, ist grenzenlos. Doch Mary ist frustriert. Sie suhlen sich im Geld, aber sie kommt in die Jahre und so langsam sehnt sie sich nach Kindern. Richard hat dafür keine Zeit. Er ist im Rausch des Turbo-Kapitalismuses, auf dem Weg zum Global Player. Es kommt das Jahr 1929, der schwarze Donnerstag (für Europäer der schwarze Freitag). Die Superfusion ist gescheitert. Richard Girard hat Milliarden Dollar in den Ausguss geschüttet. Sein "kleines" Monopoly-Spiel hat versagt und wie ein Kind krabbelt er zu Mary ins Bett, die ihn wie eine Mutter an sich drückt. Sie vergibt ihm, dass er die Welt in den Abgrund gestürzt hat. Die Rekonsolidierung läuft über die Firma Warbuton. Der stellvertretende Manager Manning hatte sich gegen die Superfusion ausgesprochen und als kleine Firma weitergemacht. Er ist nicht vom Börsen-Crash betroffen und nimmt die Girards, der Familie wegen, wieder auf. Wir schreiben inzwischen das Jahr 1934. Eine letzte Geschäftsbesprechung findet statt. Erik von Gerhardt, Jaques Girard aus Frankreich, Richard Girard aus den USA und Manning als Vertreter der Warbutons diskutieren über die weitere Zukunft. Erik regt sich auf, dass dieser Nationalismus jegliche Form der Globalisierung verhindert. Man könne keinen Handel betreiben. Jaques erwähnt, dass sich das Familienkonzept überholt habe, man noch mehr Spekulationsgeschäfte (heute Investmentbanking) betreiben müsse und die Geschäfte eventuell durch einen neuen Krieg angetrieben werden könnten. Als Mary dies hört, rastet sie aus. Sie hält eine flammende Rede gegen den Krieg, doch Erik und Jaques bezeichnen sie als sentimental. Der Krieg, so stellen sie in diesem im Januar 1934 gedrehten Spielfilm fest, wird kommen. Unausweichlich!

Richard Girard und Mary Warbuton verlieben sich bereits 1825

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Durch die Übertragung von Genen und Musik verlieben sie sich auch knapp 90 Jahre später. Der Schauspieler, der 1825 Mary Warbutons Mann gespielt hat, spielt jetzt ihren Vater

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Während des Ersten Weltkrieges muss Mary Warbuton ein Millionen-Unternehmen führen

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Dixie hat in Frankreich Urlaub gemacht und ist aufgrund sprachlicher Missverständnisse eingezogen worden. Ford inszeniert ihn als den Clown, welcher die grausigen Ereignisse konterkariert, hat er dort doch eigentlich nichts zu suchen

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Fords Existenzialismus: Auf einem Friedhof findet eine der spektakulärsten Film-Schlachten des WWI statt, die ich je gesehen habe. Vor allem die Handkamera, welche das Ereignis "ganz nah dran" präsentiert, ist schwindelerregend

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Heimmarsch der Truppen. Die Verstorbenen marschieren in der Überblendung mit. Nicht die einzige Transzendenz dieses Filmes

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Wir schreiben das Jahr 1925. Richard Girard ist ein Global Player. Im Hintergrund ein im Stile des Sozialismuses gestaltetes Bild, welches die Basis des Unternehmens zeigt: Sklavenarbeit

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Der Börsen-Crash 1929. Die Überblendung mit dem Irrsinn an der Börse, Richard Girards Verzweiflung und dem Börsen-Ticker

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Mary Girard-Warbuton hält eine flammende Rede gegen einen weiteren Krieg. Erik und Jaques bezeichnen sie als sentimental

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Was nun folgt, gehört zum Eindrucksvollsten, was ich je in einem Film gesehen habe. Ich verweise nochmals darauf, dass der Film im Januar 1934 gedreht wurde. Ein Jahr nach der "Machtergreifung", fast 6 Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Nachdem Mary Girard-Warbuton ihre flammende Rede gegen einen weiteren Krieg hält, zeigt Ford in einer furiosen Eisenstein'schen Montage auf, wie wir uns den nächsten Krieg vorstellen dürfen bzw. wohin es mit der Welt gehen wird:

Deutschland:

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Italien:

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Japan:

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Sowjetunion:

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Frankreich:

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Großbritannien:

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USA:

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Von diesem Wahnsinn wollen Richard und Mary nichts mehr wissen, denn sie haben all das bereits hinter sich. Sie gehen zurück zum verlassenen Landhaus der Girards, welches seit Jahrhunderten in den Südstaaten steht. Dort lebt inzwischen Dixie, nun ein Kriegsheld, mit seiner Familie, der die Girards willkommen heißt. Mary weint vor Glück.

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Kommentare:

  1. Du meine Güte, das liest sich ja wie der Stoff zu einer 10-teiligen Mini-Serie, oder gleich zu einer längeren Serie à la THE FORSYTE SAGA oder THE ONEDIN LINE. Findet der Film denn zu einer geschlossenen Form, oder hetzt er im Sauseschritt durch die Jahrzehnte?

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  2. Leider kann man den Film als auf großer Ebene gescheitert betrachten. Zu Beginn der 1930er Jahre gab es in Hollywood ja einige Filme, die mit Narativa des Romans gearbeitet haben. MENSCHEN IM HOTEL ist wohl eines der bekanntesten Beispiele. Mit DAS LEBEN GEHT WEITER wollte die FOX im Grunde ihren Vorjahres-Hit KAVALKADE toppen, der ähnlich, wenn auch bei weitem nicht sooo breit angelegt war.

    Die Geschichte des Patriarchen Sebastian Girard wird nur in einer Text-Tafel behandelt. Die Ereignisse des Jahres 1825 könnte man auch als ausgedehnten Prolog bezeichnen. Der Aufstieg zu einem weltweiten Imperium im Verlauf des 19. Jahrhunderts wird dann wieder mit Texttafeln abgehandelt. Das eigentliche Herzstück sind die Jahre 1914 - 1918. Also die Kriegsjahre. Dann machen wir einen Sprung nach 1925. Bis 1934 wird dann alles einigermaßen moderat in einem sehr ausgedehnten Epilog abgehandelt. Am beeindruckendsten war die Schlussmontage. Vor allem, wenn man sich das aus heutiger Sicht ansieht. Das Kriegsgetöse wird auf der Tonspur mit jedem Land lauter, bis man das Gefühl hat, die Welt geht unter. Wir haben uns gefragt, in welche Kristallkugel der Mann geblickt hat, uns die für uns vergangene Zukunft so gut abzubilden.

    Im Grunde wäre Ford ja der richtige Regisseur gewesen, da er mit Filmen wie DAS EISERNE PFERD oder 3 RAUHE GESELLEN bestens gezeigt hat, dass er ein gigantisches Personenkarussell durch Epochen führen kann. Das Studio ließ ihm bei diesem Film jedoch, anders als gewohnt, kaum Freiheiten und so konnte er den Film nicht mit der sonst gewohnten Perfektion formen. Trotzdem war es, schon allein vom Experiment-Charakter her, eine tolle Betrachtung.

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