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Samstag, 28. Juni 2014

DER VERRÄTER

DER VERRÄTER

Tonfilm Nr. 17: Ja,...äh, was soll man dazu sagen. Wenn man die einzelnen Stepstones John Fords sehr grob unterscheiden möchte, hat man drei Stufen. Stufe 1 war der monumentale Stummfilm-Western DAS EISERNE PFERD aus dem Jahr 1924. Dieser Film katapultierte Ford in die Liga der wichtigen Regisseure. Stufe Nr. 3 war RINGO, aus dem Jahr 1939, mit dem Ford nicht nur seine eigene Liga begründete und nicht nur einen einflussreichen Film inszenierte, sondern den Verlauf bzw. die gesamte Filmgeschichte veränderte. Doch die wichtigste Stufe seiner Karriere war Stufe Nr. 2: DER VERRÄTER. Er hievte ihn in die Ober-Liga der Hollywood-Regisseure. Es ist der perfekteste Film, den ich je gesehen habe. Perfekt deshalb, weil er nicht wie aus der Kubrick-Maschine erscheint, sondern schon wieder Ecken und Kanten hat, an denen man sich stoßen kann und trotzdem sieht jede, aber auch wirklich jede Einstellung aus, wie man denkt, dass sie aussehen muss, um perfekt zu sein. Und trotzdem emotional überwältigend. Bis zu seinem Tod wurde Samuel Fuller nicht müde zu betonen, dass DER VERRÄTER der beste Film war, der je gedreht wurde.

Jean Renoir lief, nachdem er diesen Film gesehen hatte, aus dem Kino wie ihm Wahn und schrieb an seinen Freund George Seaton, dass er endlich weiß, wie er die Kamera zu bewegen habe. Da das französische Kino zu Beginn der 1930er Jahre sehr von der Handkamera und Kamerawackelei lebte, um neben der amerikanischen Einstellung und der Montage des sowjetischen Formalismuses ein Bindeglied aus ständiger Bewegung zu schaffen, erkannte Renoir durch Fords DER VERRÄTER wie er Bewegung ins Bild bringen konnte, "ohne die Kamera bewegen zu müssen". So sollte DER VERRÄTER in seiner Gestaltung der Kadrage und Arbeit mit Schnitt und Kamera einer der zentralen Einflüsse des Poetischen Realismuses werden. Der Filmhistoriker Tag Gallagher sieht in DER VERRÄTER einen Film, mit dem in puncto Einfluss auf die Gestaltung von Film allenfalls David Wark Griffiths DIE GEBURT EINER NATION mithalten könne. Der Produzenten-Mogul Darryl F. Zanuck sah in DER VERRÄTER den vielleicht ersten, reinen Kunst-Film der Tonfilm-Ära. Frank Capra ließ sich nach DER VERRÄTER dazu hinreißen zu sagen, dass Ford der "King of Directors" sei und er den inspirierendsten Film der Film-Geschichte geschaffen habe.

Ford hatte diesen Film erkämpft. Nachdem sein Auftrag für die Columbia erfüllt war, sollte er schleunigst den letzten Film mit Will Rogers drehen. Ford war in der Lage von der RKO ein Budget zu bekommen und die FOX zu vertrösten. Mit einem Minimal-Budget - der Film konnte nur realisiert werden, weil Ford auf seine Gage verzichtete und alle Beteiligten runterhandelte - inszenierte Ford in nicht mal 3 Wochen mit einer künstlerischen Wucht, als wollte er alle an die Wand drücken, eines der wichtigsten Beispiele für Independent-Arbeit mitten im klassischen Monstrum Hollywood und eine Entfesselung aller Möglichkeiten filmischer Kunst, eben durch die Limitierung.

Der Film hatte auf das europäische Kino nicht nur in Frankreich einen Einfluss, er wurde auch bei den Filmfestspielen von Venedig nominiert und war in Italien zu sehen. Hier zeigt sich dann ein Problem, dass Ford mit keinem seiner anderen Filme in dieser Form haben sollte. Keiner seiner Filme war derart politischer Zensur in aller Welt ausgesetzt. Dass Sympathien für eine extremistische Terrorzelle aufgebracht wurden, die sich gegen die Obrigkeit auflehnte, war in diversen Ländern 1935 nicht statthaft. Noch dazu, dass die Hauptfigur sich in einem permanenten Rausch befand, jede Einstellung saufen wie ein Loch, mehrere Flaschen Schnaps in wenigen Stunden, jedes Mal genussvoll gezeigt. Noch dazu mit Huren, Bettlern und sogar der I.R.A. auf "Du und Du".

Der Film wurde in Finnland, Spanien und Deutschland verboten, in vielen anderen Ländern erst "ab 18" freigegeben, in Großbritannien, dem wichtigsten Abnehmer-Markt für Hollywood-Filme, durfte er erst nach erheblichen Kürzungen ab 18 in den Kinos laufen. In Deutschland erschien er schlussendlich 1950, 15 Jahre nach seiner Entstehung, in einer radikal gekürzten Fassung. Adenauer-Deutschland konnte nicht zulassen, dass eine Hauptfigur, saufend und hurend, psychisch völlig zerrüttet und verwoben mit einem politisch-rebellischem Widerstand, durch deutsche Kinos geistert.

Rebellentum gab es auch außerhalb des Filmes. Der Film hatte eine abenteuerliche Entstehungsgeschichte. John Ford hielt seinen Hauptdarsteller, den ehemaligen Schwergewichtsboxer Victor McLaglan, permanent unter Alkohol, um die Abwärtsspirale seiner Figur besser abbilden zu können. Im Schnitt-Raum dozierte er dem späteren Meister-Cutter und Oscar-Regisseur Robert Parrish, dass er beim Schneiden alles über das Filme machen lernt. Für diesen Film erhielt er seinen ersten von sechs Oscars. Man sollte ihm diesen gefälligst per Post zuschicken, da ihn die Veranstaltung nicht interessierte. Drehbuchautor Dudley Nichols, Fords rechte Hand, lehnte den Oscar gleich ganz ab. Ein anderer Preis interessierte Ford. Der New Yorker Preis der Filmkritiker war bis in die 1970er der begehrteste Preis unter amerikanischen Filmschaffenden. Der Oscar war ein Scheiß im Vergleich dazu. Die ganze Left-Wing und Right-Wing-Mischpoke, ständig zerstritten, der größte intellektuelle und kulturelle Clash des Landes. Sie hatten DER VERRÄTER zum besten Film des Jahres erkoren und John Ford zum besten Regisseur. Es war einer der wenigen Preise, die Ford sich persönlich abholte. Es mag damit zusammenhängen, dass sich bei dieser Entscheidung etwas ergab, was es vorher noch nie gegeben hatte und was sich bis heute nicht wiederholt hat. Der Film erhielt nicht nur einstimmig in beiden Kategorien den Preis. Es war zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte dieser sonst zerstrittenen Gruppe im ersten Durchgang.

Gypo Nolan im Nebel der Unkenntnis

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Intrusion des Rezipienten in die Gedankenwelt Gypos, weil er aufgrund des Steckbriefes seines einzigen Freundes in Versuchung gerät, gleichzeitig Rückblende in die Vergangenheit und Verschmelzung der Zeitebenen. In vielen Ländern war diese militärische Anspielung ein Opfer der Zensur

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Gypo ist ein 2-Meter-Hüne. In dieser Einstellung ist er stolz. Im weiteren wird Ford alle Seiten eines Menschen und seinen Verfall zeigen

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Einen Freier seiner Freundin Katie wirft er in die Gosse

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Katie ist zwar eine Hure, aber sie liebt Gypo. Trotzdem ist sie sauer, dass er ihr das Geschäft vermasselt hat. Sie träumt von Amerika, wohin eine Person für nur 10 Pfund aus dem Dreck, der Dublin inzwischen durch die Unterdrückung der Briten geworden ist, entkommen kann

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Frankie, der von den "Tans" gesucht wird, ist Gypos einziger Freund. Gypo ist aus der I.R.A. ausgeschlossen wurde, da er den Tötungsbefehl an einem britischen Offizier nicht ausführen konnte. Doch Frankie mag ihn, seine Mutter mag ihn. Gypo ist so ein lieber Klotz. Frankie weiß nicht, dass Gypo ihn verraten würde. Ford nutzt hier die Unsitte des Achsensprungs, um den Bruch in ihrer Feundschaft formal erfahrbar zu machen

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Vor den "Tans" ist Gypo plötzlich ein Wicht. Ford trieb McLaglan dazu, in jeder Szene, je nach Situation, seine stimmliche Modulation zu ändern. Vor den Autoritäten lispelt er wie ein Kind

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Frankies Schwester stellt sich der britischen Armee in den Weg. Eine enorm wirkungsvolle Action-Szene, mit der Ford plötzlich aus der Stimmung des Films ausbricht

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Nach seinem Verrat fürchtet Gypo jeden. Selbst einen Blinden

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Vor dem Kommandanten der I.R.A. spielt er eine andere Rolle und belastet Unschuldige

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In Dublin herrscht Armut und Hunger durch die Briten. Iren sind starken Beschränkungen ausgesetzt und deshalb herrscht überall Leid. Gypo, inzwischen besoffen bis oben hin, lädt mit seiner Belohnung für den Verrat an seinem besten Freund einen ganzen Straßenzug zum Essen ein. Damit ist er "King Gypo"

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Gypo und seine schleimige Gefolgschaft begleiten ihn in ein Luxus-Bordell. Eine Engländerin sagt ihm, sie wolle nach Hause, nach London, sie will nicht mehr anschaffen gehen. Gypo gibt ihr Fahrgeld, damit wenigstens sie entkommen kann.

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Gypo erkennt, dass er durchschaut wurde. Ford wechselt im letzten Drittel vom Expressionismus und europäischem Autorenfilm plötzlich in ein angelsächsisches Courtroom-Drama

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Gypo konnte dem Jungen, der an ihm die Exekution vollziehen soll, entkommen. Die Hure Katie vergibt ihm was er tat

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Von Kugeln durchsiebt wankt Gypo in die Kirche. Dort betet Frankies Mutter, die Gypo immer wie einen Sohn behandelt hat. Er fleht sie um Vergebung an. Und tatsächlich: Sie vergibt ihm, weil sie als einzige Gypos Natur durchschaut und den Wahnsinn der politischen Komplexität, der ständig morden lässt, überwindet.

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